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Opas Reisetagebuch – 6.3.2016 – Hamburg – Zeig mal Scheide!

Prolog
Hamburg gehört zu den Fahrten, die traditionell merkwürdig sind. Noch bevor der Vorverkauf losging, war schon allenthalben die übliche Krakelerei nach Karten und das Geplärre über angeblich zu wenige Karten zu lesen. Opa hat diese vorhersagbaren wie unnötigen Mechanismen gehörig satt, doch diesmal war es besonders schlimm, denn am Ende gab es neben genug Stehplatzkarten vor Ort sogar an der Tageskasse noch Karten zu kaufen und das lag sicher nicht daran, dass Teile der Fanszene von den Hamburger Behelmten heimgeschickt wurden (dazu später noch mehr).

Das Spiel wurde von der DFL auf einen Sonntagabend terminiert. Das lud sicher dazu ein, ein verlängertes Wochenende in der Hansestadt einzulegen. Doch Opa hatte diesmal keine Lust dazu, was nicht nur daran lag, dass er Hamburg ziemlich oft auch außerhalb von Spieltagen besucht hat, sondern auch, weil die „üblichen“ Hamburger Sehenswürdigkeiten sich allzuoft als teurer „Touri-Nepp“ entpuppen: Fischbrötchen auf den Landungsbrücken zu Stadionpreisen, Schlachtabfallverramschen auf dem Fischmarkt, Hafenrundfahrt mit zotigem Kommentar, die von „Ziehern“ beworbenen Animierclubs der Reeperbahn… All das gehört in die Kategorie „kann man sich mal angucken“, aber man muss es nicht zweimal gesehen haben, zumal das Ausgehen in Hamburg traditionell erheblich teurer als in Berlin ist.

Ansonsten ist Hamburg Anachronismus pur. Eine im Schnitt durchaus wohlhabende Bürgerschaft (die ihren Wohlstand jedoch über die Jahrhunderte mit Zollerpressung, Dirnen und zwielichtigem Handelsgebahren zusammenerschlichen haben dürfte) mit den damit verbundenen Segnungen luxuriöser Salons und hübschen Stadtvierteln steht den üblichen Großstadtphänomenen gegenüber, die mit Perspektivlosigkeit, hoher Arbeitslosenquote und daraus folgender Verelendung der armen Stadtviertel, Drogen, Gewalt und Prostitution einhergehen und quasi das Abziehbild der „schönen, neuen Zeit“ darstellen, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht und der den sozialen Frieden garantierende, breite Bauch der Mittelschicht weitgehend abgeschmolzen ist und innerer Frieden mit einer zum Bürgerkrieg hochgerüsteten Staatsmacht zu sichern versucht wird und die Vermögenden in „gated communities“ die trügerische Sicherheit vorm Pöbel genießt. Und so sind Hamburgs schöne Seiten eben nichts weiter wie Silikonbrüste und Schlauchbootlippen an einer in die Jahre gekommenen Milf. Teuer und nutzlos.

Und der Fußball in Hamburg? Der ist tatsächlich ein wenig vergleichbar mit Berlin. Da gibt’s als klare Nr. 1 der Stadt den HSV, der allerdings von der launenhaften Zuwendung eines einzelnen Mäzens abhängig ist, der sich als seriöser Hamburger Kaufmann zu verkaufen versucht. In Wahrheit ist er zu seinem stattlichen Vermögen als Großerbe gekommen, der selbiges durch Steuertrickserei und Verlegung von Wohn- und Firmensitz in die Schweiz zu mehren versucht. Und schon seine Vorfahren waren eher „robuste“ Zeitgenossen, die 1933 den damals größten Anteilseigner der Spedition ob seiner jüdischen Wurzeln aus dem Unternehmen drängten.

Kühne ist lt. Forbes mit seinen 11,9 Mrd. € Vermögen an Platz 9 der Liste der reichsten Deutschen und an Rang 103 weltweit. Der HSV, an dessen Fußball AG er mit 11 % beteiligt ist und auf den er durch Gremienzugehörgkeit wie durch diverse weitere wirtschaftliche Verflechtungen wie Darlehensverträge maßgeblichen Einfluss ausübt, entwickelte sich so in den letzten Jahren zu einer Art Hoffenheim mit Fans, die sich für „unabsteigbar“ halten und daraus eine schmierige Arroganz gerieren, dass es dem „normalen Fußballfan“ schlecht wird.

Aber wenn so viel Geld im Spiel ist, bleibt Vernunft ganz schnell auf der Strecke. Nicht alle HSV Mitglieder wollten diesen maßgeblich von Kühne abgepressten Weg mitgehen und gründeten den HFC Falke, der seit dieser Saison den Spielbetrieb in der Kreisklasse aufgenommen hat. Das entwickelt sich durchaus zu einem Trend, den immer weiter um sich greifenden Kommerz im Profifußball abzulehnen und „back to the roots“ zu gehen. Das Magazin 11Freunde berichtete unlängst darüber und ließ auch Opa zu Wort kommen.

Apropos back to the roots, da gibt’s in Hamburg mit der Nr. 2 der Stadt einen Verein, der sich ähnlich wie unsere ehemaligen Freunde im Wald über das Anders- und Bessersein zu definieren versucht und sich ein kommerzkritisches Mäntelchen wie ein Schafpelz übers Wolfskostüm überzieht und bei jeder sich bietenden Gelegenheit genau die selben Merchandisingschweinereien mit seinen Konsumenten abzieht. Daher kann man dieses Gebahren als „süß“ bewerten.

Ansonsten hat Hamburg ähnlich wie Berlin viel Breiten- und Amateursport zu bieten, diesmal reichte die Zeit nicht, aber ein Freund von Opa hat sein verlängertes Hamburgwochenende dazu genutzt, um dort etwas zu hoppen und war bei Niendorf gegen Urania und Elmsbütteler BC gegen TSV Sasel. Wo wir gerade beim Breitensport sind: Der HSV betreibt als fünftgrößter Sportverein Deutschlands mit 33 Abteilungen sehr viel Breitensport. Die Handballabteilung musste man allerdings gerade schließen, weil man sich überwiegend aus hausgemachten Gründen finanziell in arger Schieflage befindet.

Es ist nichts weiter als pervers, was gerade im Profifußball abgeht, der im Geld absäuft und wie ein Ertrinkender nach noch mehr Wasser schreit, anstatt selbiges als Problem zu erkennen. Demnächst wird der neue TV Vertrag verhandelt und der Ligaverband will wie ein Junkie von seinem Dealer noch mehr Stoff und große Teile der Fans werden weitgehend unkritisch die damit verbundenen Kröten schlucken, als da wären z.B. höhere Abogebühren, ein Zweitabo, teurere Bierpreise in den übertragenden Kneipen und letztlich auch bei gleichblebenden Preisen weniger Inhalt pro Packung im Supermarkt. Und mit der staatlichen Zwangsabgabe wird der Popanz obendrein gefüttert. Das ist Opa schon lange ein Dorn im Auge, dass die Bundesliga mit öffentlichen Geldern aus dieser Quelle in nicht unwesentlicher Höhe gepampert wird.

Und wo wir gerade beim Fernsehen sind, nahm die Diskussion über den Videobeweis in dieser Woche gerade Fahrt auf. Lapidar teilen die Verbände mit, dass der Videobeweis eingeführt wird. Letztlich der Kotau vor den werbefinanzierten Medien, denn es geht überhaupt nicht um mehr Gerechtigkeit für die teilnehmenden Mannschaften, die man zudem mit dem Videobeweis auch nicht wird herstellen können, sondern es eröffnet den fernsehschaffenden Raffzähnen neue Vermarktungspotentiale, denn endlich kann der oft dröge Fußball für Werbung unterbrochen werden, wenn der Schiri ins Kabuff zum Videoschiri rennt. Und diejenigen, die als Zuschauer Fußball mit einem Telespiel verwechseln, werden sich von Opa zeitlebens den Vorwurf gefallen lassen müssen, den wunderschönen, weil einfachen Sport Fußball kaputt gemacht zu haben.

Wer sich vor einer solchen Entwicklung schaudert, sollte genau wie Opa vielleicht schon mal die Amateurfußballplätze in seinem Umkreis entdecken, ob sich da nicht eine sinnhaftere Alternative zum Tanz um das goldene Kalb auftut. Vielleicht bietet Opa dazu bei steigenden Temperaturen mal eine Führung an, Berlin ist diesbezüglich reich an Kleinoden mit zum Teil atemberaubender Historie, die es zu entdecken gilt.

Reiseplanung und -vorbereitung
Nach der Terminierung ergatterte Opa ein Gruppenticket für den ICE, was hin und zurück pro Nase 30 € kostete und für die erwartbar gut gefüllten Waggons sogar eine Sitzplatzreservierung anbot. Da das zudem nur unwesentlich über den Kosten für eine von den vielen Fanclubs angebotenen Busfahrt lag, waren Opas Tickets schnell vergriffen.

Ansonsten erfordert die Reise nach Hamburg keiner wissenschaftlichen Vorbereitung, mit eineinhalb Stunden Fahrtzeit ist das ja eine etwas längere U-Bahn-Fahrt, wenn man bedenkt, dass man von Rudow nach Spandau 56 Minuten fährt. Verpflegung ist in Hamburg auch kein Problem, der Bahnhof bietet auch am Sonntag reichlich Einkaufsmöglichkeiten, weshalb Opa außer seiner Eiswürfelbox auch nur „Zerlegegepäck“ dabei hatte. Ein paar Flaschen Pils, eine Flasche spanischen Weinbrands, eine Cola und dann konnte es auch schon losgehen.

Anreise
Angesichts der kurzen Reise verlegte Opa sein Hackepeterfrühstück nach daheim. Ein guter Freund kam und verputzte mit ihm den 750 g Igel-Rohling, bevor wir uns auf den Weg zum Stadion machten.
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FOTO Frühstück

Opas Reisegruppe bestand aus gestandenen Auswärtsfahrern von jung bis alt, unser „jüngster“ war Anfang 20, fährt aber schon seit vielen Jahren und unser „ältester“ war schon beim Reichsbahnbrand in den frühen 80er Jahren dabei. Und so hatten wir uns auch reichlich aus den Erfahrungsschätzen geballter Auswärtserinnerungen zu erzählen, was angenehmerweise eine kurzweilige Fahrt versprach, denn bei der Kürze der Strecke kommt gar keine rechte Auswärtsstimmung auf.

Da viele Berliner offensichtlich anders gefahren waren, war im Zug zudem auch keine Sudelstimmung. Ein Grüppchen Herthaner stieg Spandau mit einem eiskalten Kasten Kindl ein und begleitete uns nicht nur, sondern halfen uns freundlicherweise auch mit einem Bier aus, als unsere Reisevorräte aufgebraucht waren. Einer aus der Truppe war gänzlich entzückt, als er erfuhr, wer Opa ist und machte sogleich ein Beweis-Selfie mit ihm, um sich des Neids eines Bekannten sicher zu sein. Opa hilft, wo er kann ;)

Überhaupt war die Stimmung an Bord außergewöhnlich fröhlich, was nicht zuletzt an einem überaus freundlichen Schaffnix lag, der mit einem charmanten sächsisch sprach und überaus herzlich mit uns herumscherzte und uns von seinem bevorstehenden Feierabend vorschwärmte, dass man beinahe mit zu ihm fahren wollte, wo „Mutti“ mit dem Essen auf ihn wartete. Wenn doch nur alle Schaffnixe und Schaffeusen so entspannt wären.

Zu den lustigen Erinnerungen unserer Reisegruppe zählte in jedem Fall die Geschichte einer Fahrt nach München, wo ein Mitreisender auf einer Raststätte das von einem Tramper zurückgelassene Pappschild fand und auf die Rückseite die im Titel genannte Provokation kritzelte, um mit dem Zeigen die Insassen vorbeifahrender Busse und Autos zu „beglücken“. Komplett sinnlos, sicher nicht guter Erziehung entsprechend, aber genau so geht auswärts!
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FOTO Zeig mal Scheide

Das muss man mögen, ansonsten wird man es hassen und Opa hat großes Verständnis, dass das nicht jedermanns Sache ist. Auf den Genderwahnsinn „jederfrau“ verzichtet Opa übrigens großzügig. Das Maskulinum ist generisch und wer damit ein Problem hat, dem zeigt Opa dann ein Schild. Mal gucken, wer diesmal als erster „Denk doch mal an die Kinder“ schreit, weil die Überschrift als nicht jugendfrei wahrgenommen wird. Auch Kinder dürfen in gewissem Rahmen mit der Realität konfrontiert werden und zu Opas Realität gehört eben auch das Reisen von Asozialen, Trinkern und Pöblern, die im Grunde ihres Herzens meist gute Menschen sind, das nur nicht immer so zeigen und oftmals Spaß an der Provokation haben.

Auf dem Weg zum Bahnhof hatte Opa erstmals um 12:53 Uhr erfahren, dass einige Herthaner von der Staatsmacht zurückgeschickt worden waren. Im gefühlten Minutentakt prasselten die Nachrichten ein, die annähernd eine realistische Einschätzung der Lage möglich machten, die weit weniger dramatisch gewesen sein dürfte, als eine Hamburger Boulevardzeitung dies darstellte, die von „bewaffneten“ Herthafans sprach. Sehr süß übrigens, dass einige Berliner Sportjournalisten sich bei der Hamburger Polizei erkundigten und die dort getroffene Aussage für bare Münze ins Blatt übernahmen.

Nun ist das mit den Fans so eine Sache. Das ist ein heterogener Haufen, die haben keine professionellen Strukturen mit Pressesprecher oder Medienabteilung. Aber wie kann man denn als Journalist die Aussage einer an einer Auseinandersetzung beteiligten Partei als Tatsachenbericht übernehmen? Insbesondere ärgert es Opa, dass behauptet wurde, die Gruppe sei bewaffnet gewesen.

Diese Darstellung wird erfahrungsgemäß ähnlich sein wie die angeblich gefährlichen Gegenstände in der Rigaer Straße, die die Berliner Polizei gefunden haben will. Auf Nachfrage stellte sich das dann als überwiegend harmloses Zeug wie Kohlebriketts (zum Heizen!), Kohleanzünder (zum Anzünden!) und Feuerlöscher (zum Feuerlöschen – sogar empfohlen von der Feuerwehr, so etwas im Haus zu haben) heraus. Der Polizei ist hinsichtlich solcher Aussagen nach Opas Erfahrung nicht zu trauen und es wäre gut, wenn alle Journalisten hier genauer nachfragen würden, aber einige Sportredakteure sind ja eh nur noch Teil der PR Maschinerie der Vereine und der Verbände und verfolgen eher das Interesse, das Premiumprodukt Bundesliga zu schützen. Das ist nicht schlimm, aber es hilft ungemein, den Gehalt der Beiträge dieser Personen einzuschätzen, wenn man diese Hintergründe kennt und wie „Meinungsmache“ funktioniert.

Dazu kommt, dass zu wenig Platz und zu wenig Zeit für differenzierte Darstellung da ist. Heute muss „just-in-time“ getwittert werden und für Meldungen dieser Art ist höchstens ein Achtzeiler drin, da machen es sich viele Journalisten halt sehr einfach, indem man die von der professionellen Medienarbeit der Polizei vorbereitete Meldung oft 1:1 übernimmt. Stellt sich das später als „nicht ganz so richtig“ heraus, wird das in den seltensten Fällen richtiggestellt, weil es halt oft nicht als Meldung wert betrachtet wird oder es einigen Journalisten schlicht an „Größe“ fehlt. Gut, dass Opa diesbezüglich unbestechlich ist und sich die Zeit nimmt, bisweilen den Keil unters schief stehende Möbelstück zu schlagen, was nicht immer ganz schmerzfrei für alle Beteiligten, aber alternativlos ist, weil sonst Zerrbilder entstehen.

Es gibt dabei aber noch einen anderen Aspekt: Früher wickelte man in die Zeitung von gestern Fisch ein. Eine Falschmeldung war schnell vergessen. Heute, im Zeitalter der nie vergessenden Suchmaschinen und Contentaggregatoren bleibt die Meldung auf ewig stehen, dass Herthafans „bewaffnet“ gewesen seien. Hier wird Opa weiter darauf hinwirken, dass auch Sportjournalisten sich ihrer Verantwortung bewusst sind, genauer hinzuschauen und im Zweifel eben keine Story daraus zu machen. Bei einigen nutzt dieser Appell bereits etwas, bei anderen fällt es schwer zu erkennen, dass guter Wille vorhanden ist. Die müssen dann eben auch damit leben, dass Opa mit ihnen härter ins Gericht geht, weil er sie erneut beim „Nichtdiewahrheiterzählen“ (um mal das Wort Lügen zu vermeiden) erwischt hat.

In Hamburg suchte die Staatsmacht einen Grund, einige Berliner Fans loszuwerden und fand eben auch selbigen. Eigentlich wäre das auch kein Aufsehen wert, wenn das nicht unsere relevanten Fans gewesen wären, deren Fehlen massive Auswirkungen auf den Auftritt im Stadion gehabt hat (dazu später mehr). Natürlich überlegte auch Opas Reisegruppe, ob man unter diesen Umständen ins Stadion gehen könne und sollte. Opa hat kein Problem damit, sich ein Spiel in einer Kneipe anzugucken, das war zuletzt in Stuttgart oder traditionell in Wolfsburg nicht immer die schlechteste Entscheidung. Angesichts der getroffenen Verabredungen waren wir jedoch gezwungen, nach Ankunft in Hamburg wenigstens zum Stadion zu fahren, Opa sollte noch jemandem vorm Stadion eine Karte übergeben.

Nachdem unser Zug in Hamburg ankam, versuchten wir unauffällig vom Bahnsteig zu kommen, enterten ein Schließfach und trafen einen Exilherthaner aus Hamburg, den wir aber erstmal nachdringlich bitten mussten, „zivil“ aufzutreten. Noch ein Wegbier im Kiosk geholt und wir tauchten ab in die S-Bahn Richtung Stadion. Nach etwa 20 Minuten Fahrt erreicht man den Bahnhof Stellingen und man sollte gut zu Fuß sein, denn wie ÖPNV Anbindung nicht geht, zeigt Hamburg als Paradebeispiel. Gefühlt eine halbe Stunde Fußweg – durchs Nichts übrigens. Das mag den Vorteil haben, dass sich Menschenmengen gut verteilen und keine Peaks entstehen. Das ist aber eine Respektlosigkeit gegenüber den Zuschauern und macht es Menschen mit Einschränkungen unnötig schwer. Hamburg ist da nicht allein, auch bei den anderen hochgelobten Betonfertigteilarenen ist es meist so, nur in Hamburg ist es einfach besonders krass.

Vor einer der unzähligen Unterführungen staute sich der Menschenstrom ein wenig. Am Wegesrand stand ein Anhänger vom HSV und bot ein Trikot eines Spielers an, der zum Rivalen an die Weser gewechselt war. 10 € wollte er dafür haben. Opa bot ihm 2 €. Für 5 € wechselte es schließlich den Besitzer und Opa hat ein Mitbringsel mehr in seinem Devotionalienschrank, in dem schon Trikots, Schals und Mützen anderer Mannschaften als Andenken an die vielen Reisen schlummern und darauf warten, eines Tages in der Opa-Ecke des Herthamuseums ausgestellt zu werden. Und da viele Opa für einen Rabauken halten, wird ihm sowieso kaum jemand glauben, dass er das ehrlich erstanden hat – Image ist alles :D
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FOTO Elia-Trikot

Vorm Stadion übergab Opa die Karte an jemanden, der mal einen Ausspruch gemacht hat, der schon seit eineinhalb Jahren auf einen Eintrag ins Reisetagebuch wartet. Als Opa damals zum Auswärtsspiel der U23 nach Babelszwerg fuhr, schnappte er den Gesprächsfetzen „Kalkbrenner hat mich auf meinen Arbeitgeber reduziert“ – Opa dachte natürlich an den weltberühmten DJ, es handelte sich aber auf Nachfrage um einen namensgleichen Kollegen und Opa kann diese Fragment-Notiz endlich ad acta legen :D

Plötzlich fiel Opa ein HSV Fan auf, der da am Wegesrand stand und mit seiner Frisur auffiel, die sich zwar als Perücke entpuppte, aber in jedem Fall einen Eintrag ins Tagebuch wert ist. Lustiger Kerl, als Opa meinte, aus der Frisur könne man im Notfall bestimmt eine aromatische Suppe kochen, konterte er trocken, aus der Frisur nicht, aber aus dem Trikot, das hatte nämlich die Glanzzeiten der 80er Jahre miterlebt. Opa erinnerte das Outfit an Dantes Bruder, der Fan meinte aber, dass er damit Kevin Keegan huldige.
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FOTO Kevin Keegan/Dantes Bruder

Und noch immer fragte sich Opa, ob er unter diesen Umständen ins Stadion ginge. Am Ende musste eine Entscheidung getroffen werden, auch wenn es schwerfiel. Opas Leser wollen ja auch was vom Spiel lesen und Opa war sich sicher, dass dies von denjenigen, denen Opa durchaus wohlgesonnen gegenüber steht, nicht als Zeichen der Respektlosigkeit betrachtet würde.

Im Stadion
Nach überstandener und sehr entspannter Einlasskontrolle ging es Richtung Block. Humor haben die Hamburger ja, wer sich die Beschilderung auf ein T-Shirt drucken lässt, würde in kaum einem Stadion Zutritt haben und ständig von Anzeigen sich betroffen fühlender Behelmter traktiert.
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FOTO 1312

Architektonisch ist das Hamburger Stadion mit „funktional“ wohl am besten beschrieben. Betonfertigteil reiht sich an Betonfertigteil. Nicht schön, erinnert es ein bißchen an vollgepisste Parkhäuser aus den 80er Jahren, die zum Teil immer noch in Betrieb sind. Und trotz zahlreich vorhandener und überwiegend sauberer Klos (mit vandalismussicheren Edelstahlrinnen) nutzte ein Fan offensichtlich eine der vielen dunklen Ecken, um sich dort zu erleichtern. Passte aber ins Gesamtbild :D
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FOTO vollgepisste Stadionecke.

Schnell an einem der zahlreichen Kioske ein Bier geholt, in denen schnell und zügig bedient wird. Übrigens von Aramark-Kräften, die sich über die Berliner Verhältnisse beschwerten, ja, richtig gelesen, für Veranstaltungen in Berlin karrt der Caterer des Olympiastadions Kräfte aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen. Klar, dass es so keine eingespielten Teams gibt und viele mit den Gegebenheiten vor Ort nicht vertraut sind. Alles altbekannt, tausend mal bei Hertha angesprochen, es gab ja auch schon runde Tische mit Aramark und Fans, bei denen unzählige Male Besserung gelobt wurde, die aber nie eintrat. Hoffnung besteht, dass nach dem Auslaufen des jetzigen Mietvertrags Hertha hier Besserungen durchsetzt. Aber zurück nach Hamburg. Im Stadion wird ein Bier aus Duisburg ausgeschenkt. Opa wird das nie verstehen, wieso die Bierverlage nicht kapieren, wie groß der Wunsch nach einem heimatnahen Bier ist.

Pünktlich zu Spielbeginn erreichte Opa seinen Platz auf der Hintertortribüne neben dem Gästeblock. Jemand, der unbedingt in den Stehplatzblock wollte, bot einen Tausch an und Opa nahm gern an. Trotz Fangnetzes herrschte beste Sicht aufs Geschehen.
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FOTO Panorama

Nach einer relativ simplen Choreo der Hamburger folgte ein unterirdischer Auftritt auf dem Platz und auf den Rängen. Ohne organisierten Support war das zwar aus Sicht einiger hübsch oldschool, aber dennoch fehlte etwas, denn außer ein paar kräftigen HaHoHe und ein paar Liedern war nach Opas Geschmack viel zu oft Sendepause. Bei allem zum Teil berechtigten Gemecker über unsere Ultras hat das gezeigt, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass da vorn jemand für verlässlichen Support sorgt. Etwas merkwürdig fand Opa dann aber, dass einige nicht zum harten Kern der Fanszene gehörende Gruppen meinten, ihre großen Schwenker zeigen zu müssen, da wünschte Opa sich etwas mehr Fingerspitzengefühl für eine solche Ausnahmesituation.

Die Spieler sollen sich übrigens nicht darauf ausruhen, dass sie deshalb so schlecht gespielt haben, weil sie nicht genug Unterstützung bekamen. Das war Angsthasenrumpelfußball, die Aufstellung ideenlos, der Spielaufbau wollte nicht gelingen und ein Aufbäumen war nicht zu spüren. Klar ist so eine englische Woche anstrengend und klar ist jetzt vielleicht auch konditionell ein Limit erreicht, aber muss man sich so aufgeben? Das ist eben auch eine Mentalitätsfrage. Ein weiterer Aspekt dürfte dann noch sein, dass der zweite Anzug als ziemlich stumpfe Waffe daherkommt. Jedenfalls war der Auftritt nicht geeignet, neue Fans zu gewinnen.

Bevor Opa sich auf „Wanderschaft“ im Stadion begab, waren noch zwei Vorfälle bemerkenswert. Da wäre zum einen das Zündeln im Block, Opa sah einmal Rauch und einmal Blinker.
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FOTO Rauch

Eigentlich nicht der Rede wert. Das erregte in den sozialen Netzwerken und Foren allerdings vorhersagbar die Gemüter. Opa bleibt dabei: Ohne Gespräche mit den Fans wird man dieses „Problem“ nicht in den Griff bekommen.

Ein anderes Problem ist die Becherwerferei. Irgendwie gehört das in bestimmten Bereichen des Stadions zur Folklore. Beim Torjubel hat Opa im Stehplatzbereich noch Verständnis, aber warum ein Hamburger Spieler bei der Ecke beworfen wird, ist Opa ebenso ein Rätsel wie das Fehlen des Fangnetzes in diesem Bereich. Vielleicht fehlte auch eine ordnende Hand im Block? Aber wenn die nach Hause geschickt wird, ist das eben auch eine Konsequenz.

Na klar könnte man auch einfordern, dass sich alle benehmen, aber das dürfte nach Opas Erfahrung kein realistischer Lösungsansatz sein. Zwei Freunde präsentierten Opa in der Halbzeit ihre Jacken, die waren von „friendly fire“ getroffen worden. :D Wer sich schon mal gefragt hat, warum Fußballfans oft mit schwarzen Funktionsjacken ins Stadion gehen, bekommt hier eine von vielen Antworten ;)
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FOTO Friendly Fire

Zur zweiten Halbzeit begab sich Opa auf Wanderschaft. Das Hamburger Stadion kann ähnlich wie in Berlin komplett umlaufen werden, eine Fantrennung findet nicht statt. Das ist sehr, sehr angenehm und Opa mißfallen Forderungen danach fürs heimische Stadion außerordentlich. Klar ist, dass in den Kurven fremde Farben nichts zu suchen haben, aber im neutralen Bereich soll jeder sein Fandasein ausleben können, wie er will. Blau, gelb, weiß, rot, mit oder ohne Hose! Statt mehr Repressionen fordert Opa mehr Freiheit!

Direkt neben der Heimkurve fand Opa einen Sitzplatz, von dem aus er beide Kurven und das Spiel für ein paar Minuten beobachten konnte. Das Hamburger Publikum ist ja eher mäkelig und Hertha war zudem kein attraktiver Gegner, aber was da gemeckert wurde, ähnelt schon sehr an Gespräche, die Opa in Block O oder N vernommen hatte. Zudem scheinen einige Fußball als kommunikativen Akt zu betrachten. Zum Thema Schwatzhaftigkeit beim Bier Trinken hat der Kabarettist Jochen Malmsheimer mal die richtigen Worte gefunden, die genauso auch für ein Fußballspiel gelten könnten: “Ich bin Wirkungstrinker. … Wer mir ins Bier quatscht, fängt sich eine!” Quelle (Achtung Tränenlachgefahr!) ungefähr bei 1:30 min

Als das 2:0 fiel und um Opa herum alle vor Stolz platzten, war es Zeit, weiterzugehen. Das Problem mit den fliegenden Bechern scheint übrigens hamburgspezifisch zu sein, denn auch im Heimbereich gibt es Blöcke, die mit Becherverbot belegt wurden:
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FOTO Becherverbot

Rückweg
Als der Schiri das lustlose Gewürge endlich abpfiff, ging es schnell raus. Wieder ewige Latscherei durch dunkle Wälder. Gaga-Wahnsinn, wer plant so etwas?

Auf dem Bahnsteig überraschend schnell in eine der Bahnen gekommen und zum Hauptbahnhof gefahren. Die Taschen waren schnell aus dem Schließfach befreit und wir verköstigten uns beim Chinamann, der eine guttuende und echt leckere asiatische Nudelpfanne feilbot. Diese an die Tradition der asiatischen Garküchen angelehnte Imbisskultur findet Opa bei guter Umsetzung als angenehme Alternative zu Bratwurst, Döner und Pizza.

Noch ein paar Getränkevorräte gebunkert, Opa besorgte zudem noch über seine Geheimkontakte Eiswürfel und schon begaben wir uns auf den Bahnsteig, wo Opa angenehmerweise einen Redakteur vom Tagesspiegel traf, der allerdings nicht wie wir zum feiern, sondern zum Arbeiten in Hamburg war und daher unser Angebot, die Rückfahrt in unserer Nähe zu verbingen, dankend ablehnte, es wäre auch kaum möglich gewesen, auf unser Stimmungsniveau runterzukommen ;)

Trotz mauem Spiels kribbelte es schon gewaltig in den Fingern, wieder Stimmungsmusik zu hören. Opas Bluetoothbox gab ihr bestes und unser Waggon war angenehmerweise genauso partytolerant wie unser Schaffner, der sogar freundlicherweise für ein Erinnerungsfoto zur Verfügung stand, den wir aber nicht auffordern konnten: „Zeig mal Scheide!“ :D

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FOTO Schaffnix

Einigermaßen pünktlich erreichten wir mit Zwischenhalten in Büchen, Ludwigslust, Wittenberge und Spandau die Hauptstadt. Irgendwo zwischen diesen Halten war Opas Weinbrand alle, die Stimme war leicht heiser, die Fahrt war der Knaller und am Ende waren alle ein wenig enttäuscht, dass sie nicht noch eine Stunde länger ging. Opas Dank gilt allen, die mitgefahren sind und Opas Erlebnisschatz bereichert haben!

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