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Opas Reisetagebuch – 6.11.2015 – Hannover – Opa hat einen an der Waffel

Prolog
Jede Saison derselbe Wahnsinn. Hertha spielt in Hannover und gefühlt zehntausende wollen hin. Stehplatzkarten sind begehrter als Goldstaub, die Tauschbörsen waren voll von Gesuchen, unzählige Nachrichten erreichten Opa, ob er nicht was tun könne. Nö, kann er nicht, zumal dieser „Run“ auch ziemlich unsinnig ist angesichts der Gesamtsituation in Hannover, es gibt nämlich jede Menge Karten, nur halt im Zweifel nicht im eh knallvollen Stehplatzblock, der zudem mit unschönen Restriktionen verbunden ist. Direkt nebenan im neutralen Block kosteten Tickets 25 € und es waren jede Menge Plätze frei. Und selbst Stehplatzkarten tauchten vorm Stadion noch in ansehnlicher Menge auf. Dieses Gehampel um Karten geht Opa auf den Sack. Fahrt einfach, ihr kommt selbst bei solchen Spielen immer, wirklich immer ins Stadion.

Freitag Abend stellt den Auswärtsfahrer zudem vor die Herausforderung, das Reisemittel richtig zu wählen, denn der letzte ICE fährt zu einer Zeit, wo man während der zweiten Halbzeit gehen muss, um selbigen zu erreichen. Bleiben also nur Bus, Auto, Neuner oder Übernachtung. Nach den letzten Busabenteuern (siehe Reisetagebuch aus Ingolstadt) war Bus keine Option für Opa.

Da passte es gut, dass Opas Freund und Anwalt einen „Luxusneuner“ organisierte, der in Wahrheit ein Siebensitzer mit Tisch im Fond war. Zwar ein paar Euro teurer, aber das war es dicke wert, zumal ein Mitfahrer freiwillig anbot, uns zu fahren.

Reisevorbereitungen
Tja, auch wenn es eigentlich nicht nötig gewesen wär, nahm sich Opa einen Tag Urlaub und nutzte den freien Tag, um das Pokaltagebuch aus Frankfurt fertigzustellen, während er sich überlegte, womit er seine Mitfahrer kulinarisch verwöhnen könnte. Boulettchen? Och nö. Thunfischsandwich? Gab´s erst gerade. Also beschloss Opa, zwei Fladenbrote und 8 Hähnchensteaks zu kaufen (eine kunstvoll ausgebeinte Hühnerkeule, gibt’s bei fast jedem arabischen oder türkischen Fleischer) und zauberte daraus mit Kraut, Tomate, Zwiebel, Gurke und Peperoni hausgemachte Chickendöner, wobei das für diese Leckerei fast etwas despektierlich klingt.

Dazu die normalen Utensilien, Styroporbox mit Eiswürfeln, eine Flasche Weinbrand, eiskalte Cola… ihr kennt das. Und da Opa Musik hören wollte, noch ein Auxkabel und einen Bluetoothempfänger. Ein Blick auf die Uhr sagte, dass es Zeit war aufzubrechen.

Anreise
Am Treffpunkt am Bahnhof Charlottenburg wartete unsere Luxussänfte, die erstmal mit einem Hertha BSC Schild dekoriert wurde.
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Wie durch Watte gesprochen drang der Hinweis des Organisators des Gefährts, wir sollten nicht so viel sudeln, aber schon klar, das war nicht der übliche Assineuner, mit dem sonst osteuropäische Wanderarbeiter zur Montage oder Erntearbeit gefahren werden oder mit dem sonst Fußballfans Richtung auswärts fahren.

Opas Smartphone gab bekannt, dass sich jemand gemeldet hatte. Die Hannoveraner von der Frankfurtfahrt hatten das Tagebuch gelesen und mokierten sich scherzhaft, dass sie keine „Vögel“ seien, aber gern mit Opa am Stadion ein Bier trinken würden. Das sollte sich einrichten lassen.

Im Spätkauf noch ein paar Biere organisiert und los ging die Reise. Unser Fahrer fuhr großartig, wenn auch etwas ruckartig, was in der Kombination mit einer glatten Tischfläche und dort abgestellten Getränken eine gewisse Unfallgefahr barg. Auf der Autobahn ging es glücklicherweise flüssig voran, so dass Opas Hose einigermaßen sicher vor Benässung war.

Opa versuchte verzweifelt ein Pairing zum Bluetoothempfänger hinzukriegen. Mist, das Ding war defekt, also musste das Kabel her, was aber etwas kurz war. Gnarz, naja, der Stimmung tat es keinen Abbruch. Von den Hertha Liedern war besonders das „Wir spielen im Europacup, Power von der Spree“ beliebt, es ging bald härter zur Sache, Judas Priest (Breaking the law – das Liebnlingslied von Opas Anwalt :D ), Metallica, Motorhead, Motley Crue, Van Halen, Lordi, bevor wir zur Stimmungsmucke wie „ich fand das ganz große Glück mit Dir im Zug nach Osnabrück“ übergingen. Wilde Mischung, aber der Bus gröhlte, spätestens bei „Und es war Sommer“ waren alle Dämme gebrochen.

Unser Leergut sammelte sich derweil im Ausstieg der Schiebetür, den chronologischen Verlauf hat Opa als Chronist festgehalten, das Öffnen der Schiebetür jedenfalls war jedesmal mit einem „Palüngelklirr“-Geräusch verbunden, was vorm Stadion für grinsende Gesichter der dort wartenden sorgte :D
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FOTO Leergut

Soviel auch zum Thema nicht sudeln ;) Opa übergab einer charmanten jungen Dame noch zwei Stehplatzkarten, dann war es Zeit, die hinterlegten Tickets abzuholen und die Hannoveraner zu suchen. Rund ums Stadion ist in Hannover nicht allzu viel los, ist also ganz passend zur Stadt :P

Im Biergarten an der Nordkurve trafen wir dann die Gastgeber, die nach einer herzlichen Begrüßung angesichts der sportlichen Situation von einem unansehnlichen Spiel mit Punkteteilung ausgingen, was sich mit Opas Einschätzung deckte. Wir sollten uns alle irren.

Ansonsten klagten sie ihr Leid, da der Club aufgrund der erteilten Ausnahmegenehmigung nicht den Vereinsmitgliedern, sondern einem herrischen Investor gehört, der sein Vermögen mit Hörgeräten gemacht hat und ansonsten in seinem Auftreten und Wirken ein wenig an Mr. Burns von den Simpsons erinnert. Ohne Kind dreht sich bei den Sechsundneunzigern nichts. Und der Verein ist tief gespalten, Opa hatte das ja in der letzten Saison schon thematisiert, als es Wechselgesänge aus „Kind muss weg“ gab, die mit „Ultras raus“ quittiert wurden. Du gute Güte.

An dieser Stelle muss Opa nochmal appellieren: Lasst uns das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Unser Verein gehört uns. Es ist kein unabwendbares Schicksal, dass der Verein immer mehr von der Tochtergesellschaft abgekoppelt wird und diese bisweilen ein merkwürdiges Eigenleben entwickelt. Der weiteren Professionalisierung scheint mehr Bedeutung beigemessen zu werden als der dringend notwendigen Traditionspflege. Und wir haben jede Menge Tradition: Unser Namensgeber, das Dampfschiff Hertha, existiert immer noch und fährt sogar, aber nicht, weil der Verein etwas dazu beiträgt. Unser Gründungslokal in der Oderberger Straße existiert noch (und wird ausgerechnet von köpenickaffinen Leuten betrieben), nichts erinnert daran. Keine Gedenktafel am Arkonaplatz, an dem unsere Gründer einstmals im Schatten der Bäume diesen großartigen Verein gründeten. Hertha war zweimal deutscher Meister und stand sechsmal hintereinander (!) im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Was erinnert an diese goldene Zeit?

Opa war am Vorabend der Reise an der Plumpe. Außer einem komischen „Kunstwerk“, das aussieht wie ein kaputter Ball, auch hier alle Spuren verwischt. Das ehemalige Vereinsheim an der Bellermann- Ecke Behmstraße, ein modernes Hostel, aber keinerlei Zeichen, dass hier, im Herzen der Stadt, an der Nahtstelle zwischen Ost und West, mal Hertha war. Woran liegt das eigentlich?

Generationen von Fans verbinden mit Hertha freudige und leidige Erinnerungen und Emotionen. Das ist nicht nur ein Marketingprodukt, sondern für viele eben auch eine Art Familie. Diesen Wertekern gilt es zu bewahren. Hertha ist nicht irgendein Entertainmentprodukt, welches es bestmöglich zu vermarkten gilt, sondern wird von der vielfältigen und großen Herthafamilie auch durch schlechte Zeiten getragen. Diesem Zusammenhalt, dem Erhalt und der Präsenz dieser Tradition gilt es in nächster Zeit erheblich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als es derzeit getan wird. Ohne das uneigennützige Engagement von Mitgliedern und Fans wird das nicht gehen und es wird im Friesenhaus nicht allen gefallen, aber wir Herthaner müssen verhindern, dass unser geliebter Verein sich nicht zu einer konturlosen Körperschaft entwickelt. Wir brauchen kein seelenloses Museum am Glockenturm, wir brauchen Präsenz in der Stadt. Hertha lebt, Hertha atmet, Hertha ist überall in der Stadt. Bitte helft dabei, ergebt Euch bitte nicht dem Schicksal und unterstützt Initiativen, die die Tradition bewahren.

Ansonsten haben wir wie Hannover eines Tages einen alles bestimmenden Patriarchen, der mit dem Club in Gutsherrenart umspringt und selbst professionelle Teilnehmer an der Veranstaltung in den Wahnsinn treibt. Das geht los mit einem im Gästebereich mehr als pingeligen Umgang mit Gästefans, die seit dieser Saison zudem hinter Milchglas abgetrennt sitzen. Keine Banner, keine Fahnen können angebracht werden, und dürfen auch nicht. Die Ordner haben Anweisung, das konsequent durchzusetzen, wie Opa in einem Gespräch mit einem Supervisor erfuhr, als er mit ihm klären wollte, warum er die Fahne der alten Dame München nicht aufhängen durfte. Der entschuldigte sich mit Hinweis auf penible Anweisungen von Herrn Kind, es war ihm sogar peinlich, das durchsetzen zu müssen. Gegen Kind müsste es in allen Stadien des Landes mindestens genauso laut schallen wie gegen Hopp! Solche Leute machen den Fußball und das, was mit Fankultur dranhängt kaputt. Warum? Weil sie Fußball für ein Entertainmentprodukt halten. Niemals wird Opa das akzeptieren und im Zweifel geht er lieber auf einen Amateurplatz, als sich die Plastikscheiße anzutun (zumal der Fußball oft nicht schlechter ist). Opa redet sich in Rage.

Apropos Plastikscheiße, kommen wir zu den Erlebnissen…

…im Stadion
Da Opa im neutralen Block saß, sehr entspannte und oberflächliche Kontrolle. Ganz im Gegensatz zu dem, was im Gästebereich abgeht, wo Opa bei einem vorherigen Besuch Zeuge wurde, wie einer Diabetikerin die Insulinspritze abgenommen wurde und selbst Paracetamol oder Antibiotika wollten die Ordner mit dem Verweis, das könnten ja auch Drogen sein, einkassieren. Opa muss sich sehr zusammenreißen, in solchen Momenten nicht komplett durchzueskalieren.

Nachdem man das Niedersachsenstadion betreten hat, steht man erstmal Schlange, denn es muss bargeldlos bezahlt werden, Plastikscheisse eben. Nimm Leuten ihr Geld weg und gebe es nur auf Anforderung wieder raus. Das sind nichts weiter als verbrecherische Methoden. Ein Fußballverein ist keine Bank und es geht nicht schneller, es ist nicht sicherer, es ist nur eins: Völlig überflüssig. Opa braucht eine Eistonne bei dem Thema.

Es gab jedenfalls richtiges Bier, zumindest wenn man die ausgeschenkte Marke, die Opa als „Hasentöter“ verhohnepiepelt, so nennen will. Der unmittelbar an den Gästeblock angrenzende Block war halbleer und gefühlt zur Hälfte mit Herthanern besetzt. Dazwischen saßen wackere Hannoveraner, die vom anwesenden Gästepublikum ähnlich wenig begeistert waren wie vom Spiel ihrer Mannschaft. Man braucht kein Körperspracheseminar, um diese Haltung zu deuten:
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FOTO verschränkte Arme

Was motiviert Menschen eigentlich, sich in die Nähe der Gästefans zu setzen? Opa wird das nie verstehen, auch Leute, die im Oly in den L Block gehen (und sich dann noch über die leise ostkurve beschweren), sind Opa suspekt.

Hinter der Milchglaswand der Stimmungskern und wie der Stimmung machte. Donnerwetter, dafür, dass da gefühlt die Hälfte Gelegenheitsfahrer drin waren, war das über weite Teile des Spiels druckvoller Support, der nahezu dauerhaft die Nordkurve übertönte.
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FOTO Block

Die Sicht im Niedersachsenstadion ist vom neutralen Block aus ziemlich gut.
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FOTO Panorama

Hertha legte los wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wurde im Gegensatz zu den Partien zuvor ordentlich umgebaut. Brooks als linker Innenverteidiger, Regäsel gab auf RAV sein Startelfdebut, Lustenberger rückte auf die 6 vor, Darida auf die 10. Die Aufstellung gab für einen Moment Rätsel auf, das, was da aber dann auf dem Rasen geboten wurden, war erste Sahne, zumal Kalou, den Opa schon öfter verspottet hatte (Kilokalou als neue Einheit für vergebene Torchancen), aus nahezu jeder Torchance auch eine Bude machte. Ob das am Dieter Hoeness Gedächtnisturban lag? Er sollte ihn jedenfalls öfters tragen! Hertha überrollte die 96er regelrecht, die quasi nicht stattfanden. Entsprechend war die Laune schon zur Pause gut, wo Opa am und durch den Zaun alte Bekannte und Freunde grüßte. Wie im Zoo.
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FOTO Zaun

Auch in der zweiten Halbzeit war das ein klares Ding, Hertha kam zu einem nie gefährdeten 1:3 Sieg und ein wenig taten Opa seine neuen Hannoveraner Freunde leid. Die trugen es mit Fassung, per Whatsapp erreichte Opa ein „Naja, was soll’s. Hannover halt.“ Opa weiß, wie sich das anfühlt und freute sich nicht nur über die 3 Punkte, sondern auch über die Wünsche der Hannoveraner für eine gute Heimfahrt. Wir sehen uns sicher wieder!

Noch schnell die Plastikkarte zurückgetauscht, diverse Pfandbecher gefunden, die man aber ohne Karte nicht zurückgeben kann. Ihr merkt schon, dieses Thema ist so schwachsinnig, dass man die Erfinder eigentlich den ganzen Tag auslachen müsste, wenn sie sich nicht kackedreist die Taschen vollmachen würden.

Rückfahrt
Unsere Sänfte wartete direkt vorm Stadion, aber wir hatten keine Vorräte mehr. Also zu einem der Busse und da Opa ja Hinz & Kunz und noch mehr kennt, kam er erfolgreich mit „Beute“ zurück.
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FOTO Kasten Bier

Vielen Dank an dieser Stelle an das Busteam vom „Fanhaus“, welches nicht nur liebenswert wieder Kartoffelsalat auf Pappteller klatschte, sondern uns einen Kasten Bier zu fairem Preis überließ. Top, auswärts funktioniert die Solidarität unter Herthaner echt gut und wir sollten stolz darauf sein.

Als sich alle in den Bus gepellt haben, hieß es Abfahrt, was in Hannover ganz gut funktioniert, jedenfalls hatten wir keinen Stau o.ä. Unser etwas ruckhaft anfahrender Fahrer ließ mal wieder die Gegenstände auf dem Tisch kreisen und als Opa sein Handy retten wollte, brach der in der Kopfhörerbuchse steckende AUX Stecker ab. NEEEEEEEIIIIIIIINNNN!!! Nicht nur, dass wir keine Musik auf der Rückfahrt hatten, das abgebrochene Scheißerchen steckt immer noch im Smartphone. Mal gucken, wie Opa das rausgepopelt bekommt.

Vom mitgeführten Liter Branntwein blieb nicht viel übrig, das Leergutproblem war wegen zu unseren Füßen stehenden Kastens auch gelöst, musikfrei, aber glücklich schaukelten wir zurück nach Berlin. Das war eine der Fahrten, an die man denken muss, wenn man sich mal wieder die Frage stellt, warum man sich das antut. Die Antwort fand Opa im Postkartenständer des Lokals, in dem wir nach Rückkehr einen Scheidebecher nahmen.
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FOTO Waffel

Danke an alle, die dabei waren, insbesondere unsere gastfreundlichen Hannoveraner „Vögel“ ;)

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