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Opas Reisetagebuch – 30.1.16 – Bremen – Die Neugier ist oft größer als der Ekel

Prolog
Winterpause bedeutet langer Prolog. Während in Großbritannien sogar an den Weihnachtsfeiertagen der Ball rollt, ist man in Deutschland zumindest an den Feiertagen eher besinnlich unterwegs. Obwohl, das gilt scheinbar nur für Weihnachten, denn schon am Neujahrstag rollt der Fußball, allerdings in der Halle. Das Hallenfußballprogramm in Berlin beschränkt sich ja nicht nur auf Traditionsmannschaften, sondern dient im Amateurbereich durchaus der Ertüchtigungserhaltung der Mannschaften. Und für den geneigten Fußballfan ist diese Ersatzdroge willkommene Abwechslung. Angenehm warm, nah dran, eine Menge Mannschaften mit mehr oder weniger ruhmreichen Namen, meist freier (alles außer Landesliga) oder geringer Eintritt. Und so machte sich Opa mit seiner Groundhoppingtruppe auf, ein paar Turniere in der Schöneberger Sporthalle zu besuchen. Ja, das kickt nicht so wie richtiger Fußball, aber auch Opa nimmt, was er kriegt.
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FOTO Hallenturnier

Dabei war auch ein Frauenfußballturnier. Puh, ja, ähm, es begann mit der Landesliga am Vormittag, für den Nachmittag war Bezirksliga angesagt und es war vormittags schon kaum vorstellbar, dass das noch schlechter ging. Opa war jedenfalls froh, dass er einen Grund hatte, vorzeitig zu gehen. Opa und Frauenfußball, das wird in diesem Leben wohl keine begeisterte Beziehung mehr, auch wenn er Hochachtung vor jedem hat, der seinen Sport treibt.

Es gibt ja zudem noch anderes zu entdecken. Opa hatte sich seit Eröffnung der Anschutz Arena, die bis vor kurzem nach einem Mobilfunkanbieter und seit einigen Monaten nach einem schwäbischen Automobilhersteller benannt ist, um einen Besuch herumdrücken können, was auch am dargebotenem Spektakel liegt. Basketball haftet aus Opas Sicht Das Image des Studienratsports an und ein nach einem Mülltonnenaufsteller benannter Verein hat auf Opa keine Strahlkraft. Mit „Dynamo“ krakeelenden und „Ost-Ost-Ost-Berlin“ skandierenden Fans einer der beiden Eishockeyabteilungen der Anschutzgruppe (den EHC gibt’s nicht mehr, die feuern da Darsteller eines Entertainmentunternehmens an) kann Opa als ehemaliger Anhänger der Preußen auch nichts anfangen, auch wenn er sich klammheimlich ins Fäustchen lacht, wenn die mal wieder unter die Räder kommen. Und was sonst in der „Arena“ läuft, von Andrea Berg über Grönemeyer, ist nun auch nicht Opas Sache. Doch genug genörgelt, als es hieß, dass ALBA gegen Aris Thessaloniki spielt, war Opa neugierig, denn das versprach fantechnisch spannend zu werden.

Am gefühlt kältesten Tag des Jahres traf sich Opas Ausflugsgruppe oben auf der Warschauer Brücke. Bis Opas Reisegruppe vollständig war, strömte allerlei bemerkenswerte Laufkundschaft an ihm vorbei. Von linksalternativen Punkern, mit Rollkoffern Trommelfelle malträtierende Touris, osteuropäische Obdachlose im Wodkarausch, Heimpublikum des Recyclingvereins und schwarzgekleidete Fans der Gastmannschaft. Als wir vollzählig waren, ging es Richtung des Glitzerpalastes, der auf der Brache zwischen Spree und Stadtbahn entstanden war und nun nach und nach von Nachbargebäuden eingerahmt wird. Seelenlose Neubauidylle mit internationaler Einheitsbreiarchitektur, die peinlich genau darauf zu achten scheint, dass kein Baum den Blick auf die Fassadenverkleidung stört. Opa kann mit dieser Form der Stadtplanung nichts anfangen.

Am Glaspalast angekommen, warteten lange Schlangen draußen. Offensichtlich war man nervös wegen des Gastpublikums. Bevor Opa die fußballähnlichen Einlasskontrollen passierte, fiel ihm noch das Verbotsschild auf, was im Tempel der Ostberliner Unterhaltung alles so verboten ist. Vermutlich wäre es kürzer, auszuhängen, was noch erlaubt ist.
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FOTO Verbotsschild

Während Opa da so stand und das Treiben beobachtete, überlegte er, woran ihn dieses Gebäude erinnert. Glasfassade, multifunktionale Nutzbarkeit, Rolltreppen, Lampen, Restaurants – hey, na klar, das ist wie damals bei Erichs Lampenladen. Den hätte man doch dafür weiternutzen können, anstatt die Hohenzollernschlossfassade in Berlins Mitte zu stellen, von der noch niemand weiß, was rein soll und wo man jetzt erst, während (!) der Bauphase eine Kommission beruft, die sich mit dieser Frage befassen soll. Solche Gagabauten sind aber scheinbar typisch Berlin. Steglitzer Kreisel, ICC, BER – warum sollte sich das Schloss, dessen Finanzierung im Übrigen noch nicht steht, da nicht einreihen. Und warum ist bei der ganzen Bauerei und Buddelei nicht noch ein schniekes Stadion für Hertha drin?

Zurück zum Basketball: Drinnen zwängte sich Opa in die enge, aber nicht unbequeme Bestuhlung oberhalb des „Fanblocks“ von ALBA, schräg gegenüber vom ARIS Block. Puh, ja, das war exakt das, was Opa erwartet hatte. Auf Heimseite Studienratpublikum mit übergroßen Basketballleibchen überm Spießeroutfit, gefühlt 300 Trommeln und 7000 Klatschpappen, die dauerhaft im Einsatz sind und einen eigenen, aber sehr unangenehmen Sound machen. Auf Seiten der Gäste das Temperament südländischer Ultras. Ein Meer von Zaunfahnen, dahinter junge Männer mit nacktem Oberkörper, Dauergesänge und Dauersupport. Irre, mehr Gegensatz geht kaum.
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Dazu die Cheerleader, um die Opa die Basketballer echt beneidet und die jedes Fußballstadion bereichern würden. Opa hat das mal vorgeschlagen, die ihm daraufhin entgegengeschlagene Reaktion machte aber deutlich, dass man bei Hertha davon nichts hält. Nunja, dafür beglückt uns unser neuer Hauptsponsor mit einer Werbefigur namens Tatjana, die morgens Zweideutigkeiten über die Radiowerbung haucht und auf Homepage und Plakaten zwar Herthatrikot, aber untenrum nur Hößchen trägt. Ob das nun so sehr viel geschmackvoller ist als Cheerleaders, die ja zudem noch ernstzunehmenden Sport betreiben, sei mal dahingestellt.

Das Spiel war knapp, hart umkämpft, Opa fragte seine umsitzenden Begleiter immer wieder, wann die Griechen denn nun zünden (was sie nicht taten) und beantwortete auf dem Handy Nachrichten von seinen Dortmunder Freunden, Aris hat ja eine Fanfreundschaft mit Dortmund und es hingen sogar Dortmunder Fahnen im Block von Aris. Ansonsten ist es üblich, während des Spiels nach draußen zu gehen, um sich an einem der hinter den Blöcken im Umlauf liegenden Kiosken zu versorgen oder die für Sportveranstaltungen beinahe luxuriösen Toiletten aufzusuchen. Donnerwetter, so schön kann es also sein, wenn man nicht davon ausgeht, dass Fans Knasttoiletten benötigen.
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FOTO Toiletten

Doch wer glaubt, dass Opas Vorprogramm damit beendet war, irrt. Am Vorabend des Bremenspiels erreicht ihn eine Whatsapp Nachricht, ob er nicht Lust auf Sechstagerennen inclusive Sponsorenkarte (= freier Eintritt) und Verzehrcoupons habe. Das ließ Opa sich nicht zweimal fragen und sagte spontan zu, zumal er eh nicht allzu früh los musste. Das erste mal seit langer, langer Zeit zu den Sixdays, das war wirklich aufregend, denn Opas verblassende Erinnerungen ans letzte mal reichten zurück, als diese Veranstaltung noch in der Deutschlandhalle stattfand. Wie lange mag das her sein? Ach Gott, da war gefühlt auf jeden Fall auch noch schwarzweiß im Fernsehen :D

Sechstagerennen haben ihre eigenen Regeln, die sich Außenstehenden weder auf Anhieb noch bei näherer Beschäftigung erschließen, aber das spielt eigentlich auch keine Rolle, weil die Show grandios, die Rennen beeindruckend, das Tempo hoch und das Bierchen lecker ist. Auch drumherum wird im Velodrom viel geboten. Ausstellung von Sponsoren (incl. Bundeswehr) im Umlauf…
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FOTO Umlauf

…drinnen Showbühne mit Cheerleadern (nicht ganz so hübsch und nicht ganz so begabt wie die ALBA Dancers)…
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FOTO Cheerleader

…überraschend gutes, abwechslungsreiches und durchaus preiswertes Catering, von reichlich belegten Schmalzstullen für 2 € über Currywurst für 3,50 € bis hin zum frischen Krustenbraten für 5 €. Okay, der Bierpreis ist mit 3 € für 0,33 l durchaus selbstbewusst, aber wohl noch im Rahmen dessen, was keine Proteste bei solchen Veranstaltungen auslöst.

Das Panorama vom Oberring ist mindestens genauso beeindruckend…
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FOTOS Panorama Oberring

wie die Oberschenkel der Fahrer, die gefühlt einen ähnlichen Umfang wie Opas Bauch haben:
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FOTO Oberschenkel

Dazu Protagonisten zum Anfassen. Selfie mit Fahrern? Absolut kein Problem…
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FOTO Selfie-Photo Bomb

…genauso wie neugegründete Fanfreundschaften mit lustigen Schweizern, die ihre Fahrer unterstützten und dafür extra aus Zürich eingeflogen waren (Schweizer scheint Opa ja magisch anzuziehen):
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FOTOS Schweizer Fans

Auch das Maskottchen eines Berliner Gasversorgers rannte durch den Innenraum und war zum Anfassen.
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FOTO Gasteddy

Opa traf viele vom Fußball bekannte Gesichter, die sich erkundigten, ob Opa denn am nächsten Tag auch nach Bremen fuhr. Jaja, keine Sorge. Hoch die Tassen, der DJ legte flotte Musik auf, drumherum flitzten die Athleten mit bis zu 72 km/h an uns vorbei. Und selbst Opa hätte mitmachen können, wenn auch nicht als Radfahrer, aber als Steher gäbe er einen Super Windschatten :D

Ein Jubiläum der besonderen Art – Zug D340
Bevor es zur Bremenfahrt geht, möchte Opa noch an einen Jahrestag erinnern, dem man am 24.1. zum 35. mal gedenken konnte und zu dem es durchaus kontroverse Meinungen gibt, ob das ein Anlass zum Feiern sei. Erinnert werden muss aber daran, denn u.a. darauf fußt der Mythos von Herthaauswärtsfahrten:

Zu den Fakten:
Am 24. Januar 1981 machten sich rund 300 Herthaanhänger mit dem Interzonenzug D340 auf den Weg zum Spiel der zweiten Liga Nord nach Aachen. Bei Stadthagen, in der Nähe von Hannover, steckten die Herthaner 3 Waggons an, mindestens einer brannte komplett aus. Der Sachschaden ging in die Millionenhöhe, von den 300 mitgereisten Fans erreichten 43 ihr Ziel, der Rest flüchtete oder wurde verhaftet.

Opa kennt von denen, die damals dabei waren, eine ganze Reihe und hat sich ihre Geschichten erzählen lassen. Die Versionen weichen in bestimmten Punkten voneinander ab, insbesondere hinsichtlich der Einschätzung, wie man das finden soll. Einige wollen lieber nicht daran erinnert werden und ihnen ist der ganze Vorfall und ihre Verquickung furchtbar peinlich. Andere wiederum gehen mit dieser „Jugendsünde“ durchaus offensiv um, denn damals ging es in und um Fußballstadien erheblich „robuster“ zu als heute, auch wenn das Ausmaß dieser Sachbeschädigung schon sehr außergewöhnlich war, denn es entstand nicht nur ein Millionenschaden, sondern es musste zudem auch die Transitkommission zusammenkommen, um über den Vorfall zu beraten, denn die Waggons gehörten ja der Reichsbahn, die wiederum ja der DDR unterstand.

Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie solche Treffen zwischen „Offiziellen“ von beiden Seiten aussahen, darf sich von diesem youtube Video inspirieren lassen, wo Grenzpolizisten der DDR „energisch protestierten“ und die Berliner Polizei darauf verwies, dass dieses Treffen rein technischer Natur war. Offiziell gab´s ja den jeweils anderen eigentlich gar nicht. Wunderbare deutsch-deutsche Dialektik, die 25 Jahre nach dem Mauerfall in Vergessenheit zu geraten droht.

Zurück zum legendären Reichsbahnbrand vom 24.1.1984: Einer, der damals dabei war, überließ Opa ein zeitgeschichtliches Dokument. Leider etwas grobkörnig, aber es zeigt eine Gruppe Herthaanhänger, die vorm im Hintergrund brennenden Zug posiert. Gruppenselfie würde man heute dazu sagen:
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FOTO Frösche

Einige der abgebildeten sind übrigens heute noch bei Hertha anzutreffen und durchaus unterschiedlicher Meinung, wenn das Reichsbahnbrandlied angestimmt wird:

„Wir lieben dicke Titten und den Suff
wir gehen dreimal täglich in den Puff
und wenn die Reichsbahn brennt, dann ist klar
dann war die Hertha wieder da…“
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Opa meint, es gehört in jedem Fall zu unserer Fantradition, daran zu erinnern. Dieser Vorfall war einzigartig und war einer von vielen Grundsteinen für die heutige, professionelle Fanarbeit der Vereine. Der brennende Reichsbahnzug jedenfalls gehört zur Hertha-Tradition genauso wie unser Dampfer, der Arkonaplatz oder das erste Vereinslokal in der Oderberger Straße, welches heute von irgendwelchen Zugereisten Sympathisanten des Köpenicker Dorfvereins geführt wird. Wir haben Nachholbedarf in Sachen Vergangenheitsarbeit und Opa ist schon heute gespannt, wie man diesen Vorfall im Hertha Museum behandeln wird. Wann das öffnet? Nunja, da unser Museum bislang ein ähnliches Tempo wie der Kölner Dom oder der BER an den Tag legt, darf man froher Hoffnung sein, dass es schon zum einhundertjährigen Jubiläum unserer ersten deutschen Meisterschaft 2030 soweit sein könnte. Dann mag der Reichsbahnbrand 49 Jahren zwar schon ewig her sein, aber er wird ewig unvergessen sein!

Reiseplanung- und vorbereitung
Opa hatte Anfang Januar mal wieder Geburtstag und feierte zum unzähligen Male schon seinen 29. Geburtstag. Ja, auch Opa wird nicht jünger. Und eigentlich hatte sich Opa geschworen, es in diesem Jahr ruhiger angehen zu lassen. Man kennt ja irgendwie schon alle Stadien und bisweilen fällt es schwer, sich zu motivieren. Wenn dann die DFL die Spieltage terminiert, ist Opas erster Gang aber auf die Website der Bahn und wenn dort Sonderangebote winken, bucht Opa sofort ein Gruppenticket. Ergebnis der letzten Recherche war, dass Opa für alle Auswärtsspiele im ersten Quartal Tickets gebucht hat, so auch nach Bremen. So sieht dann also kürzer treten aus ;)

Opa war klar, dass „die Szene“ nach Bremen sicher Regio fahren wird. Ja, das ist sicher auch nett, aber Opa muss nicht jeden Spieltag im Behelmtenkessel mitlaufen und dass es bei Regiotouren oft ein gewisses „Konfliktpotential“ mit der Staatsmacht und dem Beförderungsunternehmen gibt, ist ja nun auch keine Neuigkeit. Wer einigermaßen stressfrei mit Regio nach Bremen wollte, musste also früh aufstehen. Sehr früh. Als Opa die Abfahrtzeiten der Szene erfuhr, konnte er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, denn Opas Reiseplanung war dagegen oberextrakomfortabel, nicht nur wegen ICE, sondern weil es erst um 10:39 h losgehen sollte.

Zum Reiseproviant ist diesmal nicht viel spektakuläres zu berichten. Boulettchen als Klassiker der Abteilung „Reisen und Speisen“ sollten reichen, zumal Bremen ja nun wirklich keine Weltreise entfernt ist.

Anreise
Zum Treffpunkt am Hauptbahnhof waren alle Mitfahrer einigermaßen pünktlich. Opas Begrüßung einer mitreisenden Dame war allerdings etwas schwungvoll, denn deren an der Barhockerlehne angehängte Tüte mit den Getränken machte den Abgang und die Kombination aus 1,20 m Fallhöhe und Weizenbier in der Glasflasche ergibt eine hübsche wie laute Schweinerei. Wir fragten die Bäckereifachverkäuferin freundlich nach einem Auffeger und einer Müllschippe, die jedoch keifte sofort los, „was das denn immer solle“, das sei „eine Schweinerei“, „ihr Penner müsst besser aufpassen“ usw. – Ui, da geriet unsere Gruppe kurzfristig in den Pöbelmodus und wir baten ihr an zu zeigen, was wirklich eine Schweinerei sei und was wir davon hielten, wegen eines unbeabsichtigten Mißgeschicks von ihr als „Penner“ tituliert zu werden. Aber schon das komplette Stressprogramm vor Abfahrt? Ne, wir ließen sie keifend und fluchend die Scherben zusammenkehren und begaben uns zum Bahnsteig, wo unser ICE diesmal ohne umgekehrte Wagenreihung am vorhergesagten Gleis pünktlich einfuhr, ein Satz, den Opa in dieser Kombination im Zusammenhang mit der Deutschen Bahn so nur selten formulieren kann.

Der Vorteil am Gruppenticket ist, dass automatisch Sitzplätze mit reserviert sind. Am ersten Tag der Ferien ist das Gold wert, denn der Zug war voll mit Familien mit Kindern auf dem Weg in die Winterferien und uns war das ausnahmsweise mal komplett egal.

Auf twitter hatte Hertha sich begeistert darüber gezeigt, dass sie auf der Autobahn auf dem Weg nach Bremen freundlich angehupt wurden, weil sie einen Schal aus dem Fenster haben hängen lassen. Opa twitterte dazu zurück, dass er mal schauen müsste, ob die Bahn uns einen Schal aus dem ICE hängen lässt. Doch der Versuch, einen Schal an der Tür einzuklemmen, scheiterte, aber Schal aufhängen? Das kann Opa und schwupps war der Fensteröffner zum Schalhalter umfunktioniert:
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FOTO Schalhalterung

Also Opa von unserem nachgerückten Mitfahrer noch den anteiligen Reisepreis kassieren wollte, sorgte dieser für DEN Spruch der Fahrt. In jugendlichem Sprech sagte er zu Opa „Ey, chill’ die Base“, was wir im weiteren Verlauf der Fahrt noch sehr amüsant verdengelten. „Ich chill die Base, Du chillst die Base, Er/Sie/Es chillt die Base“ oder, um etwas „krasser“ zu wirken hingen wir noch etwas an wie „Chill die Base hart, Alter“. Ich glaube, er fühlte sich nicht so ganz ernstgenommen, da das aber eine Vorgeschichte hat, hatte er es verdient :D

Mit dem ICE nach Hamburg dauert es gefühlt kaum so lang, dass es sich lohnen würde, sich hinzusetzen. Und wenn man dann in der Stadt an dem Fluss mit dem zum verhohnepiepeln einladenden Namen („links die Elbe, rechts das selbe“) ankommt, wird man freundlich mit einem Werbeplakat als Dauerlutscher begrüßt:
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FOTO Dauerlutscher

Opa freut sich schon, wenn die Hamburger in der kommenden Saison wieder Stadtderby haben. Die Unabsteigbaren brauchen für die Vereinsgeschichte ja noch ein Zweitligarekord, das sollten wir „Dauerlutscher“ ihnen gönnen.

Auf dem Weg zum Anschlusszug verwechselte Opa die Wagennummer mit der Bahnsteignummer und das führte dazu, dass die Karawane die Rolltreppe rauffuhr und Opa die danebenliegende Treppe wieder runterging. Unten holte einer von Opas Mitreisenden am Bahnhofskiosk noch eine Kiste Klopfer mit der Geschmacksrichtung „Unkraut“. Opa lehnte das angebotene Gebräu dankend ab, die neben Opa verkostende Mitfahrerin beklagte sich darüber, wie eklig es sei. Opas Frage, warum sie es dann trinkt, beantwortet sie mit „Neugier“. Opa erwiderte, dass er das kenne: Von der BILD Zeitung: Die Neugier ist oft größer als der Ekel :D

Weiter ging´s mit dem Intercity Richtung Stuttgart. Nur wenig Herthaner hatten wohl diese „exotische“ Verbindung herausgesucht, aber auch hier lohnte sich das Hinsetzen kaum, so schnell waren wir in Bremen angelangt und hatten unsere Flüssigkeitsvorräte in den Taschen in die Bäuche transferiert, so dass wir in Bremen selbst am Hauptbahnhof quasi nur leere Taschen ins Schließfach bugsierten. Auf dem Bahnhof ordentlich was los, Präsenz der Behelmten wahrnehmbar, aber im Wesentlichen entspannt, also ohne Helme auf und zurückhaltend die Gänge bestreifend. Laut Befragung eines der Gruppenführer waren die Shuttlebusse alle schon weg, also zwängten wir uns mit den Heimfans in eine Straßenbahn Richtung Weserstadion.

Für einen Fußweg von ca. 20 Minuten standen wir eine gefühlte Dreiviertelstunde in der bumsvollen Tram. Megawarm, beschlagende Scheiben, man hätte locker einen Aufguss machen können. Einen Mitfahrer hielt Opa vom Pöbeln ab. Ob es ratsam ist, als 6er Gruppe in einer Tram voller Heimfans „Kniet nieder, ihr Bauern, wir sind Eure Hauptstadt“ anzustimmen, mag jeder für sich beurteilen, aber Opa hatte einfach so nullkommanull Bock auf Stress, weshalb er das konsequent unterbund. Opa hat nun nichts gegen gepflegte Pöbelei, aber das Timing muss passen und in dem Moment passte es eben nicht und dann muss man sich von Opa auch schon mal anschnauzen lassen.

An der Endhaltestelle kurzer Fußmarsch Richtung Stadion, vorbei an entspanntem Heimpublikum, mit dem es ja auch keine wahrnehmbare Rivalität gibt. Vorm Gästeeingang angekommen, tauschte Opa im strömenden Regen seine Stehplatzkarte gegen eine Sitzplatzkarte. Und wenig später nochmal, weil da ein Bekannter von Opa ebenfalls tauschen wollte (eher musste bzw. sollte – da hat Opa noch Gesprächsbedarf). So begaben wir uns dann Richtung neutralem Block, denn unsere Karten waren rechts vom Sitzplatzblock der Herthaner im Oberring.

Einlasskontrolle wie beinahe überall in neutralen Bereichen megatiefentspannt, kurzes Abklopfen, netter Smalltalk, drin. Das ist neben vergleichsweise überragender Sicht einer der Vorteile des neutralen Bereichs. Der Nachteil ist, dass man zur Verköstigung eine dieser Bezahlkarten benötigt, doch nicht mit Opa. Beginnend ganz vorn in der Warteschlange fragt sich Opa so lange durch, bis einer der meist Heimfans ihm gegen Bargeld was mitkauft. „Nimm’ das, Kartenmafia!“ und Opa denkt sich den Grußfinger dazu. Opa kriegt auch in solchen Stadien was gegen Bargeld. Ein weiterer Vorteil dieser Methode: Man lernt superschnell neue Leute kennen, kann ein nettes Pläuschchen halten, bekommt mal einen Blick von außen auf den eigenen Verein und die allermeisten verstehen Opas Vorgehen, weil sie die Bezahlkarten auch hassen und die Pflicht dazu für Gästefans einfach eine Sauerei ist, zumal man in Bremen zum Erwerb und zur Rückgabe gefühlt durchs halbe Stadion laufen müsste. Nicht mit Opa!

Nachdem das Bier organisiert war, rein in den Block, der noch relativ leer aussah. Mit ein bißchen rutschen und quetschen kriegten wir das auch hin, dass Opas Begleiter neben ihm Platz nahm, denn eigentlich waren unsere Karten nicht nebeneinander. Mit der richtigen Mischung aus Freundlichkeit und Dreistheit geht alles. Vor uns stand ein sichtlich vom Vorglühen angeschlagener Fan, der sich als gebürtiger Berliner outete, der aber seit Ewigkeiten in Bremen lebt und daher auch Fan der grünweißen ist. Ob seines redseeligen Zustands erfuhren wir auch, dass sein Berliner Großvater ihn für diesen Umstand hasst. Die Frage, wo Opa denn herkomme und die selbstbewusst vorgetragene Antwort „Neukölln, Nähe Hermannplatz“ war offensichtlich so beeindruckend, dass der gute Mann sich plötzlich mit ernster Mine „nichts für ungut, ich will keinen Stress“sagend umdrehte und fortan Ruhe gab. Manchmal ist Image alles :D

Es folgte die Vereinshymne der Bremer, die sich wie ein Dumdum Geschoss ins Gehirn fräst. Opa mag solche Melodien und kann es sich nicht verkneifen, aus Daffke mitzusingen, was bei umstehenden Herthanern immer für merkwürdige Blicke sorgt.

So sieht man übrigens im Weserstadion:
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FOTO Panorama

Was nach dem Anpfiff folgte, war ein Wechselbad der Gefühle. Eine souverän aufspielende Hertha, die mit einem sensationellem Weitschuss von Darida in Führung ging. Zum Ende der ersten Halbzeit gelang Plattenhardt ein fein über die Mauer gezirkelter Freistoß zum mit der Zunge schnalzen. Wow, stolz auf dieses Team war das dominierende Gefühl zur Pause, die wir mit unseren Bremer Sitznachbarn am Verköstigungsstand schnackend verbrachten, wo wir die ganz passable Stadionwurst und ein Fischbrötchen verköstigten und das ganze mit ziemlich ekligem Stadionbier heruntergespült.

Nach der Pause gelang Bremen der Anschlusstreffer, den Hertha beeindruckend mit dem 1:3 parierte, als van den Bergh in der 71. Minute einen feinen Pass auf Kalou servierte. Bähm, ja wie geil, der Sack war zu. Dachten wir zumindest. Innerhalb weniger Minuten kamen die Bremer erst durch einen Foulelfmeter nochmal ran und legten unmittelbar danach nochmal zum Ausgleich nach. Hertha wankte und nicht nur Opa fragte sich, wie man dieses Spiel noch aus der Hand geben konnte. Wahnsinn! Ein Spiel, von dem man noch seinen Enkeln erzählen wird und an dem man ablesen konnte, warum wir (noch) keine Spitzenmannschaft sind. Am Ende haben wir 3:3 verloren, zwei wichtige Punkte liegen lassen, aber immerhin ist die Spielkultur wieder da.

Da einige nach dem Gästeblock fragten: Es ist wohl nicht mehr so schlimm wie in den Vorjahren, wo man quasi im Gefängniskäfig eingepfercht war. Wirklich dolle soll das aber nach wie vor nicht sein. Wer was vom Spiel sehen will, ist mit Sitzplatzkarten sicher besser aufgehoben.

Rückreise
Nach dem Spiel hatten wir den Bierstand vorm Gästebock als Treffpunkt ausgemacht. Hin kam Opa gerade noch so. Als dann Opa sich wenige Meter davon entfernt noch für nicht mal eine Minute von einem Mitreisenden verabschieden ging, schloss sich hinter ihm unbemerkt die Behelmtenkette und Opa wurde daran gehindert, dahin zu gehen, wo er gerade herkam. Erst nach elender und nerviger Diskutiererei ließ man Opa nochmal durch. Das war allerdings auch der einzige negative Ausrutscher der sehr präsenten, aber weitgehend friedlichen Bremer Behelmten.
Der Zwangsabtransport der Gästefans mit Shuttlebussen ist allerdings eher suboptimal organisiert. Zu wenig Busse, die zu lange mit der Türöffnung warten und dann in Umwegen blaulichteskortiert durch die halbe Stadt fahren, um an Hinterausgang des Bahnhofs alle Fans auszuspucken, ist schon relativ albern. Als ob die das üben müssten. Am Bahnhof dann Absperrgitter bis zur Haupthalle, die wir Höhe der Mitte auf der Suche nach einem Geldautomaten für einen Mitreisenden überklettern durften. Überhaupt mischte sich das dann relativ schnell, was die Albernheit dieser Maßnahme zeigt, erst Recht nach einem Unentschieden.

Nachdem der Mitreisende Geld hatte, ging es zum Schließfach und anschließend wollte Opa sein Bahn Comfort Privileg in Anspruch nehmen und in der DB Lounge zur Toilette. Die freundliche Servicedame wieß Opa und einem Begleiter den Weg hinter einem Polizisten hinterher, der gerade zuvor noch das Geschehen beobachtete. Ach gucke mal, das war wohl der stellvertretende Einsatzleiter, der da einem menschlichen Bedürfnis nachgehen wollte. Als er vor uns in die Toilette trat, blieb das Licht aus und er suchte den Lichtschalter. Opa gab ihm den Rat, sich doch mal zu bewegen, da wäre bestimmt irgendwo ein Bewegungssensor. Uns siehe da, nachdem der Herr hopste, ging das Licht an. Opa murmelte ein „manchmal haben Fans eben auch Recht“, was den etwas älteren und ergrauten Behelmten sprachlos zurückließ und wohl nur sein drängendes Bedürfnis hielt ihn von einer Diskussion mit Opa ab, auf die Opa allerdings auch keine Lust gehabt hätte.

Zur Reisegruppe für die Rückfahrt gesellte sich noch Opas Anwalt und eine weitere Hertha-Auswärtslegende. Während wir auf den Zug warteten, teilte Opa noch ein paar Aufgaben ein. Die, die Opas Schnaps und Cola auf der Hinfahrt getrunken hatten, wurden losgeschickt, neuen zu holen. Und Opa kümmerte sich um seine Spezialdisziplin, das Organisieren von Eiswürfeln. In den meisten Läden winkte man ab. Entweder gab´s gar nicht erst welche oder man durfte nichts rausgeben. Erst in einem kleineren Café war Opa erfolgreich und bekam die ganze Styroporkiste voll. Mit einem großzügigen Trinkgeld in die karg gefüllte Trinkgeldbox bedankte sich Opa für den erfolgreichen Beutezug.

Schwupps war auch schon Abfahrt angesagt. Einige von uns hatten eigentlich Zugbindung für einen anderen Zug, aber erfahrungsgemäß sind die Schaffnixe am Samstag Abend da sehr tolerant und so wagten wir es, als Gruppe zu fahren, zumal das Risiko angesichts desselben Fahrwegs eh überschaubar war und die Aussicht, fast 2 Stunden früher zurück in Berlin zu sein zu verlockend. Und tatsächlich, der Mann mit der Zange guckte mit einem verschmitzten Lächeln auf unser Ticket, drückte die Zange zusammen und wünschte uns eine gute Fahrt. So einfach, so unkompliziert.

In Hannover besorgten wir nochmal rasch Nachschub und enterten nach dem Einfahren des Zuges das in den Abendstunden komplett verwaiste Familienabteil. Mit Platz für 12 Personen und 2 Tischen DAS perfekte Abteil für eine Rückfahrt. Opas Bluetoothbox hämmerte die Hits heraus, die Reisegruppe gröhlte und kein Mitfahrer konnte sich belästigt fühlen, zumindest nicht von unserer Gruppe. Ab und an schauten ebenfalls heimfahrende andere Fans vorbei, u.a. ein Anhänger der Dortmunder, der seine durchaus nicht unattraktive Freundin gegen einen Schnaps eintauschen wollte, was diese allerdings brüskiert ablehnte. Merkwürdiges Pärchen, zumal sie erzählte, dass sie als Berlinerin nur ihrem Freund zuliebe Dortmund Fan geworden sei. Tse, auch noch Konvertiten. Die waren aber eh nicht auf unserem Stimmungslevel und bald wieder weg.

Wir schunkelten uns gen Heimat und pünktlich spuckte der ICE uns aus. Doch der Abend war noch nicht vorbei, zu dritt begaben wir uns noch in den Herthaner, wo wir eine Nachbesprechung dieses aufregenden Spieltags mit unbefriedigendem Ergebnis abhielten, welchen man angesichts dessen, wo wir herkommen und wo wir vor einem Jahr standen, als Dardai die Mannschaft übernahm mit dem Fazit belegen konnte: „Chill die Base hart, Alter“ – Darauf stießen wir an dem Abend noch ein paar mal an.

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