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Opas Reisetagebuch – 10. bis 14.2.2016 – Heidenheim und Stuttgart – Tag 2 bis 4 – Provokationen, Kultur, Idylle und Sport

Tag 2
Tag 2 begann mit gleich drei Provokationen. Als erstes blinzelte Opa überm Bett eine DDR Fahne an…


FOTO DDR Fahne

…was für Opa als alten West-Berliner wirklich schwer verdaulich ist. Auch wenn man privat zu Gast ist, darf man dennoch die Gründe dafür hinterfragen. Opa versteht durchaus, dass jemand eine Erinnerung an die „Heimat“ an die Wand hängt, aber irgendwie gibt’s dafür doch andere Möglichkeiten als ausgerechnet das Symbol des Unrechtsstaats, der auch Opas Familie mit einer Mauer teilte und mit Kritikern nun nicht gerade zimperlich umging. Opa hat zwar nicht viel Hoffnung, dass sein Appell fruchtet, aber unwidersprochen kann man Opa so etwas nicht vor die Nase halten.

Die zweite Provokation wartete dann auf dem Weg ins Bad. Die gesamte Wohnung unseres Gastgebers hing voll mit solchen „Putzlappen“ :D

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FOTOS Bauerntrikots

Nicht nur, dass eine Menge Klischees über die Fans des Rekordmeisters erfüllt wurden, es zeugt ja auch meist vom „Fußballsachverstand“ desjenigen, der seine Sympathie an die Körperschaft verloren hat, aus der große Persönlichkeiten wie Brandstifter, Uhrenschmuggler, Sekretärinnenschwängerer, Minderjährigenprostituiertenfreier und Steuerhinterzieher hervorgegangen sind. Hören sie nicht gern, müssen sie aber aushalten, wenn Opa in der Nähe ist und auch wenn Opa riskiert, seine Bleibe zu verlieren.

Die dritte Provokation war dann vorm Bäcker. Mitten im schwäbischen Grenzgebiet zwischen Bayern und Baden-Württemberg, stand dieses Auto:
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FOTO SCHEISS04 Skoda

Nur der helligte Tag und die Besonnenheit hielt Opas Reisegruppe davon ab, hier Verschönerungsmaßnahmen vorzunehmen. Einen Spaten hätte man schon auftreiben können ;)

Nach einem ausgiebigen Frühstück, Duschen und Einkaufen ging es mit dem Zug nach Ulm. Wenn man schon ein paar Tage hier unten ist, kann man sich auch etwas ansehen und Ulm hat definitiv etwas zu bieten. Nicht nur, dass die Stadt an der Donau mit Gründungsdatum 854 schon stattlich alt ist, sie beherbergt mit dem Ulmer Münster ein beeindruckendes Bauwerk der Frühgotik und selbiges hat mit 161,53 Metern den höchsten Kirchturm der Welt. Doch zum Münster später noch mehr. Mit Ulm verbindet uns Berliner zum einen, dass der später in Berlin und Umland lebende Albert Einstein hier geboren wurde genauso wie die später für und über Berlin singende und unvergessene Hildegard Knef.

Ulm ist aber allein schon wegen der vielen mittelalterlichen Gassen und Fachwerkhäuser einen Besuch wert. Beim Fachwerk lebt man definitiv im Einklang mit der Natur, denn Baumstämme wachsen nicht immer gerade, das bedeutet aber noch lange nicht, dass man sie nicht gebrauchen kann. Das krasseste Beispiel dafür ist das „schiefe Haus“, aber auch an anderen Häusern denkt man oft „gebaut wie gewachsen“.

Ulm war immer schon eine wohlhabende Stadt. Die Lage an der Donau sorgte für rege Handelstätigkeit und für ein entsprechend wohlhabendes wie selbstbewusstes Bürgertum. Das zeigte sich auch 1377, als wohlhabende Bürger Geld für den Bau des Münsters stifteten. Genauso wie der Kölner Dom ist auch das Ulmer Münster in weltlichem Besitz entstanden. Warum das Münster wie alle Bauwerke der Gotik bis heute Faszination ausübt, ist schlicht und ergreifend auf eine Revolutionierung der Bauweise zurückzuführen. Vor der Gotik wussten die Bauschaffenden zu wenig von Statik und man war zudem nicht in der Lage, hohe Gebäude mit großen Fensterflächen zu schaffen. Alle hohen Bauwerke vor der Gotik waren also eher geschlossene und dunkle Gebäude.

Wer einmal in einer gotischen Kirche war und nicht eh schon staunt, sollte sich das vor Augen halten, wie diese Bauwerke auf die Menschen des Mittelalters gewirkt haben müssen. Ein Bauwerk bis zum Himmel, innendrin hell durch riesige Fenster, mit magischer Anziehungskraft, Worte reichen eigentlich nicht dafür, um diese atemberaubenden Weltwunder zu beschreiben. Und auch die Fotos geben nicht einmal ansatzweise wieder, wie faszinierend die Begegnung mit
ihnen ist.
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FOTOS Ulmer Münster

Im Münster vorm Eingang zum Turm ist ein Modell des Münsters aus Plastikbausteinen zu bewundern. Sehr schön zu sehen die Strebebögen, die das hohe Bauen und das Ableiten der Kräfte auf die Außenmauern möglich machten.
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Den Turm kann man besteigen und von der in 143 m hoch gelegenen Plattform über die ganze Stadt gucken. Da Opa Höhenangst hat, war er nicht böse, dass wegen Renovierungsarbeiten der Turm geschlossen war.

Noch ein paar Zahlen zum staunen:
190.000 Kubikmeter umbauter Raum
51.000 Tonnen Fundemantlast
Über 10.000 Bürger finanzierten den Bau, die ersten Stifter wussten, dass sie die Fertigstellung nie erleben werden
Regulär 2.000 Sitzplätze, mit Extrabestuhlung 4.200
20.000 bis 22.000 Stehplätze (im Mittelalter stand man in der Kirche – nicht die einzige Parallele zum Fußball)
513 Jahre Bauzeit (1377 – 1890) – und da regen sich einige über die Verzögerung von ein paar Jährchen beim BER auf ;)

Etwas zu mäkeln hat Opa dann aber doch: Die selbstbewussten Ulmer Bürger stimmten 1530 in einer Volksabstimmung ab und wurden im Zuge der Reformation protestantisch und übergaben auch die Durchführung der Gottesdienste der evangelischen Kirche. Für Opa als römisch-katholischer Herthaner ein Graus.

Vorm Münster entdeckte Opa noch einen Hinweis auf die Heimat. Auf einem Kanaldeckel vor dem Turm sind die Entfernungen zu anderen Städten gegossen.
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FOTO Kanaldeckel

Vorm Münster dann noch standesgemäß mit Schals posiert.
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FOTO Schals

Weiter ging es durch die Gässchen der Fischerinsel, wo jedes Haus Wasserzugang zu haben scheint.
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FOTOS Altstadt

So viel Geschichte und so viel Kultur macht durstig. Im Fischerviertel kehrten wir in eine Wirtschaft ein und genossen regionales Berg Bier, während hinter uns ein Stück umgeleitete Donau floss. Auf der Stadtmauer entlang ging es später im Dunklen Richtung Bahnhof, nicht ohne jedoch nochmal das Panorama zu genießen.
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FOTOS Nachtimpressionen Ulm

Auf dem Bahnhof dachte Opa nach, was hier anders sei. Falls jemand wissen mag, wie ein Bahnhof ohne Grafitti aussieht, soll er sich in Süddeutschland umsehen (wenngleich Süddeutschland auch nicht frei von dieser Streetart ist, aber direkt auf den Bahnhöfen sieht man nichts).
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FOTO Bahnhof

Der Abend klang mit der Suche nach einem Gasthaus aus. Leider war der regionale Köstlichkeiten anbietende Gasthof in Betriebsferien, so blieb nur die Wahl zwischen Chinese und Italiener, wo wir uns für letzteren entschieden und statt Maultaschen halt Pizza aßen.

Tag 3
Der Morgen begann idyllisch. Wie Puderzucker bedeckte frischer Schnee die Landschaft, die glitzernd von der Morgensonne illuminiert wurde.
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FOTO Morgenidylle

Für den Tag hatten wir uns vorgenommen, zum Bodensee zu fahren, der nur rund 130 km von Ulm entfernt ist. Für solche Ausflüge ist das Assiticketangebot der Bahn nahezu perfekt. Mit Regionalbahnen, die in Süddeutschland ähnlich sauber sind wie die Bahnhöfe. Übrigens aus heimischer Produktion, auch in Süddeutschland fahren Waggons aus Hennigsdorf.
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FOTO Bombardier

Sehr untypisch auch, dass die Bahn im Regionalverkehr auf Anschlusszüge wartet. Ein überaus freundlicher Schaffner wartete beim Umstieg mit der Zugabfertigung, bis wir auf dem Gleis (was zudem nochmal getauscht war) und eingestiegen waren und erkundigte sich dann noch freundlich lächelnd, ob alles gepasst hätte. Irritiert von so viel Freundlichkeit mischte sich die Dame hinter uns in unser Gespräch ein und betonte, man sei hier immer so freundlich. Und um das zu untermalen gab´s in breitem schwäbisch vom Zugbegleiter die Durchsage, dass man sich dafür entschuldige, dass mehrere Türen nicht gehen und zwei Toiletten ausgefallen seien. In Berlin klatscht man dafür einfach Zettel an die jeweiligen Türen und das war’s. Gut, Zettel gibt’s hier unten auch…
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FOTO Toilettenzettel

…aber hier malt man noch mit einem Pfeil dazu, wo das nächste Klo ist und kriegt gefühlt noch einen Blumenstrauß vom Schaffnix. Eineinhalb Stunden Fahrtzeit auf der Schwäb’sche Eise’bahne nutzte Opa dazu, ein bißchen Tagebuch zu schreiben, während sein Begleiter ein Nickerchen machte. In Friedrichshafen angekommen, erwartete und allerbestes Wetter. Blauer Himmel, Sonnenschein, Wasser…
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FOTOS Bodensee

Wir beschlossen, die Uferpromenade Richtung Hafen zu laufen. Man geht am Zeppelindenkmal vorbei, welches die Bürger der Stadt dem Grafen Zeppelin errichteten, der ja nicht nur die gleichnamigen Luftschiffe erfand und am Bodensee baute, sondern dessen Stiftung bis heute in der Region einer der größten Arbeitgeber ist. Z.B. sind in vielen Autos Kupplungen und Getriebe der Firma ZF verbaut, einer Firma mit Sitz in Friedrichshafen und weltweit über 70.000 Mitarbeitern. Auf dem Denkmal für den Grafen Zeppelin ein Leitspruch, der diese Saison für Herthas Pokalmotto steht:
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FOTO Zeppelinmotto

Wie wohlhabend die Gemeinde Friedrichshafen ist, zeigt sich u.a. auch daran, dass für Vögel ein Kunstwerk als Wasserspender aufgebaut ist, was angesichts des wenige Meter danebenliegenden Bodensees irgendwie nur übersichtlich viel Sinn ergibt, aber ein hübsches Fotomotiv ist es allemal.
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FOTOS Wasserspender

Kunstwerke stehen auch allerlei herum. Am Strand animierte eines dieser Kunstwerke Opa angesichts der davor sitzenden älteren Damen zu einer Fotografie mit dem Titel „Alte Schachteln vor komischen Vögeln“
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FOTO Alte Schachteln vor komischen Vögeln

Die Kombination aus Sonnenschein, Wasser und weiter Sicht ist am Bodensee wirklich atemberaubend, zumal sich im Hintergrund die Alpen aus dem Boden erheben.
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FOTO Impressionen

Fußballhinterlassenschaften findet man hier übrigens auch, Gladbacher und Münchner Fans hatten sich hier auch schon verewigt.
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FOTO Gladbach und München

Auf dem Weg Richtung Hafen stolpert man noch über eine Büste Kaiser Wilhelms I., erstes Oberhaupt des zweiten Deutschen Reiches, der familiäre Bindungen zum Hause Baden hatte und den es daher häufiger zum Bodensee und auf die Insel Mainau zog.
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FOTO KW I.

An der Strandpromenade angelangt, stieß Opa wieder auf komische Vögel, diesmal aber sehr lebendig und ziemlich gefräßig.
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FOTOS Möwen

Am Hafen gibt es einen Aussichtsturm, nichts für Menschen mit Höhenangst wie Opa, aber auch von unten macht der was her:
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FOTOS Aussichtsturm

Auch hier Hinterlassenschaften von Fußballfans. Opa fragte sich, welchen Verein die in Friedrichshafen besucht haben wollen und befragte die allwissende Suchmaschine, die mit dem VfB Friedrichshafen und dem FC Friedrichshafen gleich zwei Treffer ausspuckte, deren erste Mannschaften jedoch in der Landesliga Staffel 4 (VfB) bzw. in der Kreisliga A2 Bodensee (FC) unterwegs sind und daher keine Berührungspunkte mit anderen Mannschaften haben dürften. Insofern stammen die Sticker wohl von Touristen.
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Am Hafen stolperte Opa dann über einen Findling, der als Denkmal der ostdeutschen Heimat diente. Es war nicht nur interessant, dass sich die Heimat von Opas Vorfahren in Oberschlesien darauf befand, nein, viel spannender fand Opa, was sich nicht darauf befand. Außer Brandenburg befindet sich keines der neuen Bundesländer darauf. Da musste Opa bei Herthafans aus Sachsen-Anhalt gleich mal nachfragen, ob sie denn Ostdeutsche seien bzw. überhaupt Deutsche ;)
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FOTO Gedenkstein

Es war Zeit, sich etwas zu Essen zu suchen. Man findet im touristisch geprägten Friedrichshafen alles mögliche, Italiener, Vietnamese, Chinamann, Döner, Grieche, Etepetete, aber erstens ist vieles außerhalb der Saison geschlossen und zweitens wollten wir ja immer noch etwas Regionales essen. Nach einem Fußmarsch durch die halbe Stadt, vorbei an sündhaft teuren Zeppelinklettergerüsten, die in Berlin wohl die Altmetalldiebe schon geklaut hätten…
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FOTO Zeppelinklettergerüst

…latschten wir von geschlossener Tür zu geschlossener Tür der Restuarantempfehlungen des Internets. Schon beinahe verzweifelt stolperten wir dann in Bahnhofsnähe doch noch über ein handfestes Restaurant, welches uns Maultaschen mit Röstzwiebeln servierte.
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FOTO Maultaschen

Maultaschen passen übrigens super in die Fastenzeit, wurden und werden sie im südwestdeutschen Raum auch „Gottesbescheißerle“ genannt, da man ja offiziell „nur“ Nudeln isst und die Füllung quasi nicht zählt. Verdammt leckere Spezialität, da störte es auch nicht, dass neben dem Tisch die Spielautomaten dudelten und eine chinesische Kellnerin selbige servierte, als Berliner und Herthaner ist man ja polyglott und als Hungriger tolerant.

So langsam wurde es Zeit aufzubrechen. Wir hätten zwar gern noch eine Fahrt mit dem Katamaran nach Konstanz gemacht, aber dafür reichte die Zeit nicht, das wird aber nachgeholt, wenn es Opa mal wieder in die Gegend verschlägt. Am Bahnhof entdeckte dann Opa noch Hinterlassenschaften von Gewalthof Mannheim…
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FOTO Gewalthof Mannheim

…und Wehen Wiesbaden:
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FOTO Wehen

Auf der Suche nach Beschäftigung für die zwei Tage hatte Opa u.a. bei Hertha angefragt, wo und wann man denn das Training der Mannschaft besuchen könnte, schließlich hatte er erfahren, dass Hertha zwischen den Spielen auch unten bleibt. Kurz und knapp teilte man Opa mit, dass das Training nicht öffentlich sei. Das ist also diese „Augenhöhe“, auf die Hertha mit seinen Fans kommen möchte, wie es einer aus Herthas Geschäftsführung auf der Homepage sagte:

„Hertha BSC wird geprägt durch Menschen, in erster Linie durch seine Fans. Wir wissen, dass sie der Mannschaft den Rücken stärken. Und das nicht nur im Olympiastadion, sondern auch bei den zum Teil weit entfernten Auswärtsspielen. Deshalb sind uns unsere Anhänger mit ihren Wünschen und Bedürfnissen so wichtig. Wir stehen für einen offenen Dialog mit allen Fans, für einen Austausch auf Augenhöhe mit allen Parteien.“

Andere Vereine halten da nicht so viel Distanz. Als Opa erfuhr, dass er nur ein paar Ortschaften davon entfernt untergebracht war, fragte er bei dem durch den einsamen Trommler im Gästeblock berühmt gewordenen Club FV Illertissen an, ob man denn dort zum Trainingsbesuch willkommen sei (der Spielbetrieb der Ligen wird erst später im Februar wiederaufgenommen). Der Kontakt zur Öffentlichkeitsarbeit war äußerst nett und zuvorkommend, der Besuch wurde sofort möglich gemacht und Opa und seine Begleiter freuten sich, die zwei Tage zwischen den Spielen nicht komplett fußballfrei erleben zu müssen.

Der FV Illertissen spielt in der Regionalliga Bayern, also 4. Liga und war in den Jahren 2013/14 und 2014/15 als jeweils beste bayerische Amateurmannschaft in der Hauptrunde des DFB Pokals spielberechtigt, wo man gegen Mannschaften wie Zwietracht Frankfurt oder Werder Bremen spielte. Aber auch im Ligaalltag sind namhafte Mannschaften wie Bayern München II Jahn Regensburg zu Gast. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion trifft man daher nicht nur auf Schafe…
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FOTOS Schafe

…sondern eben auch jede Menge „Streetart“ von Gastmannschaften, dass man glauben könnte, man sei in einer der großen Fußballstädte des Landes.
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FOTOS Streetart

Die Mannschaft spielt in dem nach dem lange Zeit in der Region herrschenden Patriziergeschlecht benannten Vöhlin Stadion.
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FOTO Vöhlin Stadion

Die Vöhlin hatten ein durchaus zeitloses Lebensmotto, welches dem Buchstaben P im lateinischen folgte:

Piper Peperit Pecuniam,
Pecunia Peperit Pompam,
Pompa Peperit Pauperiem,
Pauperies Peperit Pietatem.
Pugnantes pro Pontifice

Was frei übersetzt etwa bedeutet:

Der Pfeffer hat das Gold gebracht,
Das hat uns pomphaft reich gemacht,
Das wiederum macht bald uns arm:
Ein Grund zum Frommsein! Gott, erbarm’
Dich unser, die des Kaufmanns Namen
In Ehren tragen wöllen. Amen.
Kämpfer für den Papst

Da geht Opa als Katholik doch das Herz auf ;) Doch zurück zum Fußball und da hat Illertissen ein paar Parallelen zu Hertha. Das Stadion gehört der Stadt und wird von den 3 umliegenden Schulen für den Schulsport genutzt. Daher hat das Stadion eine umfassende Laufbahn.
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FOTO Stadion mit Laufbahn

Der für unseren Besuch dankenswerterweise angerückte Pressesprecher sagte uns, dass die Spieler beinahe lieber im Stadion des Ortskonkurrenten SpVgg Au/Iller spielen würden, die nach dem Rückzug ihres Hauptsponsors in 2007 wirtschaftlich wie sportlich im Sinkflug sind, aber ein reines Fußballstadion haben und die Spieler diese Atmosphäre bevorzugen würden. Opa vermutet, dass es da durchaus auch noch weitere, opportunistische Gründe für diese Präferenz gibt, wenn die Bande den Ball zurückspielt, muss man den Ball nicht so weit aus dem Aus holen.

Mit der Laufbahn muss man beim FV Illertissen aber aus dem selben Grund leben, wie Hertha mit den Auflagen durch Senat und Denkmalschützern, denn das Stadion gehört der Stadt und gehört ähnlich wie das Berliner Reichssportfeld zu einem großen Sportpark mit Schwimmbad und Sporthallen.

Im Stadion vom FV Illertissen gibt’s vom bayerischen Landesverband die Auflage, einen abriegelbaren Gästebereich einzurichten. Und wo Opa dachte, dass es diese Freiluft-Guantanamos nur in Polen gäbe, war er schnell desillusioniert. Mitten im zivilisierten Deutschland ein einem Hühnergehege nachempfundener Gästebereich:
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FOTO Gästebereich

Fehlt eigentlich nur, dass da Streu reinkommt und ein Gleisanschluss ins nächste Gefängnis führt. Wer denkt sich so etwas aus? Na klar mag es auch in den unteren Ligen Spiele geben, wo so etwas notwendig ist, aber in 99,8 % der Spiele dürfte das überflüssig sein und macht im Übrigen den Spielbetrieb wahnsinnig teuer. Und es zeigt im Übrigen auch, wie absurd Forderungen nach einer Beteiligung von Fußballvereinen an den Kosten für Polizeieinsätze sind. Unabhängig davon, dass die Finanzierung hoheitlicher Aufgaben nicht Privatsache werden darf, wäre der Amateursport mit dem von einigen Einsatzleitern aufgefahrenen Bürgerkriegsaufgebot, die zu einem Fußballspiel gern mal mit der großen Hafenrundfahrt (Hubschrauber, Wasserwerfer, Räumungspanzer, Legionärsschildkröten, Hundestaffeln etc.) anrücken, komplett überfordert.

Zurück zum Training der ersten Mannschaft, die freundlich grüßte, ein paar Spieler stimmten sogar zu unserer Begrüßung ein lautes HA HO HE an, das nennt Opa mal Gastfreundschaft. Pünktlich um 17 Uhr ging es los und es unterschied sich nicht wesentlich von dem, was auch beim Training bei Hertha zu beobachten ist. Die Stimmung in der Truppe ist gut, die Jungs haben viel gelacht beim Spiel Kreisspiel gegen zwei, die den Ball zu erobern versuchen und wo bei Ballverlust derjenige in die Mitte muss, der ihn verursacht hat. Nur das bei unseren Spielern zu beobachtende Ohrläppchenschnippsen oder Nackenklatschen war nicht dabei. Es muss ja auch Unterschiede zwischen Vollprofis und Amateuren mit „Aufwandsentschädigung“ geben.

Ja, die Spieler von Illertissen bekommen für das, was sie tun, Geld. Ohne Geld spielt heute keiner oberhalb der 6. Liga. Allerdings steckt halt eben auch eine Menge Aufwand dahinter, der das rechtfertigt. Zum Teil tägliches Training, ähnlich wie die Profis, es geht eine Menge Zeit dafür drauf und ein paar Taler für die Versicherung, die die finanziellen Folgen von nicht zu hundert Prozent vermeidbaren Sportunfällen abfedert, müssen von den Spielern auch aufgebracht werden. Im Grenzgebiet zwischen Amateurfußball und Profifußball verwischt vieles, mit Enthusiasmus allein spielt und trainiert man jedenfalls nicht auf dem gezeigten Niveau, denn auch die Trainer sind heute erheblich qualifizierter als noch zu den Zeiten, als Opa selbst als Spieler die Turnschuh schnürte.
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FOTOS Trainingseindrücke

Wer mal das Training des FV Illertissen besuchen will, die Tür steht jederzeit offen und es wird einem der Eindruck vermittelt, Willkommen zu sein. Opa jedenfalls bedankt sich für die herzliche Aufnahme und das kurzfristige Arrangement. Noch ein Abschiedsfoto, natürlich mit „Hertha International“ Schal…
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FOTO Hertha International

…und es war Zeit, Abschied zu nehmen. Hier möchte Opa gern nochmal herkommen, wenn Spielbetrieb ist. Beim ortsansässigen und sehr empfehlenswerten Griechen in Illertissen ließen wir den Abend bei diversen Grillplatten und ein paar Karäffchen Ouzo ausklingen.

In Bayern sind die Bahnhöfe vielleicht auch deshalb so sauber, weil es dort untersagt ist, sich aufzuhalten:
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FOTO Platzverweis

Wer sich aufhält, bekommt einen Platzverweis? Auf einem Bahnhof, auf dem einmal in der Stunde ein Zug fährt? Ähm, ah ja, das muss man nicht unbedingt verstehen, zumal gefühlt soweiso ab 18 Uhr die Bürgersteige oben sind. Egal, die haben ihre Probleme, wir haben unsere. Mit einer in Berlin gebauten Regionalbahn…
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FOTO Stadler

…fuhren wir heim. Es galt schließlich noch zu packen. Nebenbei lief die Partie der Mainzelmännchen gegen den in der Turnhalle spielenden Tabellenkonkurrenten. Platz 3 würde man also über Nacht behalten.

Tag 4 – Spieltag
Opa bereitete für die Mitfahrer ein paar Schrippchen (Pesto-Tomate-Salami, Schinken&Ei, Leberkäs mit süßem Senf) vor. Ganz ohne Wegzehrung kann man einfach nicht reisen und bei nur wenigen Minuten Umsteigezeit in Ulm war auch keine Zeit, sich anderweitig für die rund zweistündige Fahrt nach Cannstatt zu versorgen.

Beim Warten auf den Zug warfen wir einen Blick auf das Stellwerk des Bahnhofs. Alles noch mechanisch, Weichen, Signale, Kommunikation. Eisenbahn aus dem vorletzten Jahrhundert.
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FOTO Stellwerk

Wir reisten sicherheitshalber neutral und das erwies sich schon im Zubringerzug als klug, denn obwohl wir in Bayern waren, war der Zug schon voll mit Anhängern des Bad Cannstätter Clubs. Ulm liegt ziemlich genau auf der Hälfte zwischen den schwäbischen Erstliga-Fußballstädten Augsburg und Stuttgart, Augsburg Fans suchte man in den Tagen zuvor aber vergebens und so dürfte es wohl auch dann sein, wenn die beiden zeitgleich spielen.

An jeder Milchkanne der „schwäb’sche Eisebahne“ haltend tuckerten wir Richtung Hauptstadt Baden-Württembergs. Joar, zum Urlaub machen kann das wirklich ein paar Tage schön sein, aber da leben? Opa war eine zeitlang bei einer Firma aus dem südwestdeutschen Raum beschäftigt und war entsprechend oft auf Dienstreise unten. Ne, auch Opa braucht Hertha, ‘ne Schulle, sein Berlin und die Spree, so verlockend das rein finanziell auch oft ist. Mit einem seiner Ex-Kollegen frotzelte Opa per Whatsapp, ob man sich denn nochmal wiedersehe, so lange der VfB erste Liga spielt. Fanfrotzelei ist oft was sehr schönes und von oben macht´s doppelt so viel Spaß.

Als das Stadion ins Blickfeld rückte…
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FOTO Stadion

…und am Bahnhof Bad Cannstatt Dreiviertel des Zuges ausstieg, ging es für uns mit dem Rest der Reisenden noch zum Hauptbahnhof, denn es galt noch unser Reisegepäck im Schließfach unterzubringen. In Stuttgart buddelt man schon fleißig am umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und im Grunde genommen ist der alte Bahnhof von der Haupthalle abgesehen auch bereits abgerissen. Eine leere Baugrube, wo früher Gleise waren, zeugt von den gigantischen Veränderungen, die die Stuttgarter da erwarten. Milliardenschwere Gigantomanie mit aus heutiger Sicht übersichtlichem Nutzen. Nun ist Stuttgart eh nicht die hübscheste Stadt, aufgrund der Tallage ist man Europas Feinstaubhauptstadt und auch wenn man die schönen Ecken wie den Schlosspark kennt, käme einem Stuttgart als Kandidat für einen Städtpreis in Betracht. Die durchaus beachtlichen Gleisanlagen mitten in der Innenstadt unter Tage zu legen und den Platz oben anderweitig zu nutzen, den Kopfbahnhof zu einem Durchfahrtbahnhof umzugestalten, ist alles grundsätzlich nicht verkehrt, aber den Umfang, in dem das dort gemacht werden soll, kann man schwer nachvollziehen.

Während der Bauphase ist alles provisorisch und die Beschilderung zu den Schließfächern hat man sich genauso gespart wie andere sinnvolle Hinweise. Immerhin hilft der freundliche Schaffnix, wenn man ihn anspricht. 5 € ins Schließfach, Schlüssel gedreht und ab zum Stadion, wo ein paar Exilherthaner zum Treffen aufgerufen hatten. Ausgerechnet im Polizeisportverein. Ach Du je, das gibt wieder Gerüchte um Opa ;)
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Auf dem Weg dorthin bewunderte Opa in der S-Bahn die Verbotshinweise. Wo in Berlin „is mir egal“ gerappt wird und es nicht einmal dann weiter auffällt, wenn jemand ohne Hose in der S-Bahn sitzt und Zwiebeln schneidet, hantiert man im Schwäbischen mit Verbotsschildern, wo man sich fragt, ob als nächstes Atmen untersagt wird.
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FOTO Verbotsschild

Am Treffpunkt angelangt, direkt hinter den für Herthaner und das damit verbundene Risikospiel angebrachten Sichtschutzzäunen befindet sich die Vereinsanlage mit dem Vereinsheim. Es geht rustikal zu, alle 5 m ist eine Zapfanlage, aus der man eiskaltes und durchaus trinkbares Stuttgarter Hofbräu für ambitionierte 3,50 € für 0,4 l oder das ebenfalls empfehlenswerte Hefeweißbier für 4 € je halben Liter erwerben kann.
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FOTO Stuttgarter Hofbräu

Der Laden war anfangs fest in blauweißer Hand, mittlerweile reisen aus allen Ecken Herthafans an, Opas Münchner Herthaner waren ebenso dabei wie ein paar Schweizer, die Frankfurter Fraktion oder Ingolstadt.
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FOTO Innenraum

Eine Gruppe tat sich besonders lautstark hervor, von denen sich schnell einer mit deutlicher Schlagseite Opa näherte, den Arm um ihn legte und Opa gröhlend ins Gespräch verwickeln wollte. Opa hat sicher nichts gegen gepflegte Pöbeleien, aber zweieinhalb Stunden vor Anpfiff so einen Pegel zu haben und dann noch Leute mit glasigem Blick „volllappen“ ist alles andere als angenehm oder die Gesellschaft, die sich Opa für diese Tageszeit wünscht, zumal der Beitrag dieser leute zum Support im Stadion auch genauso übersichtlich sein dürfte wie das Stresspotential beim Zusammentreffen mit Fans der gegnerischen Mannschaft. Aber Opa will nachsichtig sein, jeder Fan muss seine Metamorphose durchmachen und Opa war früher durchaus auch mal so. Aber bitte tut ihm einen Gefallen und umarmt Opa nicht beim Gespräch.

Daher ging es erstmal wieder vor die Tür, wo Opa nettere Bekanntschaft fand. Eine Exilberlinerin brachte ihre süß schwäbelnde Bekannte aus Freudenstadt mit, ein Herthaner zeigte seine Tattoos…
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FOTOS Tattoos

…und einer der Organisatoren des Exilherthanertreffs zeigte, dass man auch bei kaltem Wetter keine Laufmasche ins Trikot kriegt ;)
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FOTO Trikot in kalt

Opa entdeckte noch ein paar Hinterlassenschaften einiger anderer Fans, Dortmund war besonders fleißig beim Kleben…
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FOTO Dortmund Sticker

…besondere Aufmerksamkeit erregte aber ein merkwürdiger Sticker, der auf eine für Opa bislang unbekannte Fanfreundschaft zwischen Frankfurt und Innsbruck schließen lässt…
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FOTO Frankfurtinnsbruck

Man stand da gemütlich beieinander, das Bier schmeckte, der Biergarten füllte sich merklich und es gab eine Menge zu „schwätzen“ und zu lachen. Angesichts dessen, was einen hinter dem Sichtschutzzaun erwartete, überkam Opa eine plötzliche Unlust, das Stadion zu betreten, wo es wieder nur Sichtbeton, Knasttoiletten und alkoholfreies Bier gibt. Engelchen und Teufelchen kämpften auf Opas Schultern um Deutungshoheit und Motivation. Um es kurz zu machen: Opa blieb draußen und das war angesichts des späteren Spielverlaufs wohl auch die richtige Wahl. Bevor jemand nöhlt: Ja, liebe Kinder, nicht nachmachen! Die Tage zuvor hatten an den Kräften gezehrt, Opa war nicht in Stimmung und das Stadion in Stuttgart ist ehrlich gesagt keinen weiteren Besuch wert, überhaupt hat Opa seit der legendären 0:6 Klatsche keinen Bock mehr auf die Schüssel. Inmitten von bosnisch-italienischen Biergarten-Bedienungen saß Opa im Warmen und schaute auf einem vergleichsweise winzigen Fernseher das Spiel und übte also schon einmal für die Zeit, wenn er das Auswärtsfahren sein lässt.
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FOTO Fernseher

Was soll man zum Spiel sagen? Gegen gut aufgelegte Stuttgarter sah man mit einer verletzungsgeschwächten Startelf keinen Stich. Die Leichtigkeit, die Eingespieltheit, der selbstbewusste Spielwitz der Hinrunde sind weg. Es scheint fast so, als würde der Mannschaft Kondition fehlen und ihr der Atem ausgehen, zumindest spielte sie saft- und kraftlos, was nicht nur mit dem dritten Spiel innerhalb einer Woche oder dem Fehlen von Weiser und Kalou erklärbar scheint. Das schiefe Dreieck wurde von den Stuttgartern aus dem Spiel genommen, Cigerci war als Kalouersatz unbrauchbar und wurde zurecht später gegen van den Bergh als Linksaußen ersetzt (woran man auch erkennt, wie groß die Not sein muss), auch die Einwechslung vom Geburtstagskind Schieber für den Kapitän vermochte keine nennenswerten Impulse zu setzen. Vercoacht? Verzockt? Einfach nur Verletzungspech? Ein Ausrutscher?

So glücklich wir Herthaner wenige Tage zuvor im Pokal waren, so ernüchtert war man nach diesem Spiel, der den Ligaauftakt mit 3 Punkten aus 4 Spielen nicht zu einer Erfolgsstory werden lässt. In der Rückrundentabelle steht Hertha auf Platz 14 (2 dahinter liegende Mannschaften spielen noch), es wird spannend, wie man sich aus dem Ergebnistief wieder rausarbeiten will. Vom Saisonergebnis her ist kein Ziel in Gefahr, aber wir stehen am Scheideweg, ob wir uns zu einer Topmannschaft entwickeln oder dahin, wo wir die letzten Jahre immer waren und wo uns auch viele sehen, irgendwo zwischen grauem Mittelfeld und Abstiegsangst, die zumindest in dieser Saison glücklicherweise mal nicht einsetzt.

Der Rückrundenstart zeigt jedenfalls, wie kurzweilig Erfolgsmomente im Profifußball sind und wie man Lobhudeleien der Verantwortlichen hinsichtlich ihrer Halbwertzeit einzuordnen hat. Die selben, die noch vor wenigen Wochen für ihre kluge Taktik oder die gelungenen Transfers geniehaft gelobt wurden, stehen ganz schnell als die Trottel da, die eben auch den Abschwung zu verantworten haben, aus dem heraus eben auch ganz andere Folgen entstehen. Die Marktwerte der Spieler sinken, Zuschauer wenden sich ab, die Handlungsfähigkeit für die kommende Saison wird nicht gestärkt und am Ende wird man uns Fans das dennoch irgendwie zu verkaufen versuchen. Die dafür passenden Wortstanzen liegen alle auf Lager bei Hertha. Doch bis dahin wird uns die alte Dame, die jemand auf einem Sticker als „geilste MILF der Welt“…
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FOTO Geilste MILF der Welt

…verewigt hatte, mit ihren Drama-Auftritten zumindest noch unterhalten, wenn das Treiben auch eher in den Bereich der Tragödie zu verorten sein dürfte. So isse halt die Hertha.

Rückfahrt
Wer glaubte, dass die Stimmung geknickt war, der irrt gewaltig. Der letzte ICE von Stuttgart nach Berlin war fest in der Hand von Herthafans. „Bumsvoll“ beschreibt es wohl am besten. In jedem Waggon hämmerte Musik aus Lautsprechern, einige schlossen ihre Anlage an der Steckdose an und verschönerten ihr Fenster mit Devotionalien aus dem Fanshop…
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FOTO Tischparty

…die Luft war von einem Mix aus Schweiß, Suff und Muff gesättigt, „normale“ Fahrgäste suchten vergeblich eine ruhige Ecke, die ersten Stunden war Herthaparty angesagt. Fröhlich, aber friedlich schunkelte der Zug Richtung Berlin. Ein paar verlängerte Raucherpausen sorgten für ein paar Minuten Verspätung, was zur Folge hatte, dass wir auf der Hälfte der Strecke unseren „Slot“ auf der Strecke verloren und ein paar Minuten stehen mussten. Naja, gibt schlimmeres, ansonsten blieb es bis auf ein paar verbale Auseinandersetzungen und ein paar Leuten, die mit ihrem Rausch nicht klarkamen, weitgehend ruhig. Opa blieb bei all dem übrigens weitgehend enthaltsam, nach Party war ihm einfach nicht zumute, die letzten Tage, eine leichte Erkältung und die Müdigkeit forderten ihren Tribut.

Gegen 22 Uhr wurde es dann ruhiger, der „Einsatz“ vieler forderte ihren Tribut, was einige nicht davon abhielt, aus voller Kehle weiterzugröhlen, mit schwappenden Bechern durch die Gänge zu wanken, was auf der nicht ausgebauten Holperstrecke auch nüchtern schon schwierig ist. Die Schaffnixe ertrugen das Treiben gleichmütig, eine freundliche Dame aus dem Bordbistro ging regelmäßig mit Biernachschub durch den Zug, etwaige Konflikte wurden über die mitreisende Fanbetreuung und das Fanprojekt entschärft und weitgehend ereignisarm, bis wir auf offener Strecke stehenblieben und der Lokführer über den Lautsprecher nach dem Zugchef verlangte. Was mochte wohl passiert sein? Schon bald gab es Aufklärung vom Zugchef. Ein Stellwerk war ausgefallen. Kein Signal geht, keine Weiche, niemand weiß, wie was gestellt ist, was zur Folge hat, dass alle Züge stehen. Im Stellwerk vom frühen morgen wäre das kein Problem, die fallen nicht aus und falls doch mal etwas klemmt, tappert ein Bahner los und fegt die Weiche frei oder regelt den Verkehr mit einer Kelle. Bei den modernen, volldigitalen Stellwerken geht nichts mehr.

Betrug die bis dahin aufgelaufene Verspätung nur wenige Minuten, wurde es nun für diejenigen, die noch Anschlusszüge in Berlin erreichen mussten, ziemlich eng. Nach einer reichlichen halben Stunde ging es dann doch noch weiter, aber die Anschlusszüge für die im Umland wohnenden und auf Regios angewiesenen Herthaner waren unerreichbar. Galgenhumor allenthalben und dazu passte es dann auch, dass auf den eh von Beginn an nicht funktionierenden Anzeigen im Zug die Fehlermeldung „Zeitüberschreitung“ erschien.
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FOTO Fehlermeldung

Opa wollte einfach nur nach Hause. Bitte keine Gespräche mehr, er hatte auch keine Lust, end- wie weitgehend sinnlosen Diskussionen über Hamsterräder wie ein neues Stadion oder mehr Zuschauern im Oly beizuwohnen, auch sich betrinken war keine Option, wenn zwar möglich, Opa hatte genug Vorräte, aber ihm war nicht danach. Als der Zug nach den „Milchkannen“ wie Hildesheim, Wolfsburg oder Stendal endlich Berlin erreichte und die Herthaner, bewacht von 4 Behelmten, den Zug verließen, machte Opa drei Kreuze. Viele Erlebnisse, viele Eindrücke, aber auch voller Wünsche nach Ruhe und dem eigenen Bett ging es mit dem Bus auf die letzte Etappe des Tages. Busfahrer, die mitten in der Nacht an einigen Haltestellen den Motor ausmachen, obwohl sie hinterm Fahrplan sind, wären normalerweise so ein Fall, wo Opa mit erkennbaren Adern am Hals selbige mit typisch Berliner Freundlichkeit darauf hinweisen würde, dass sie besser weiterfahren. Nicht jedoch in dieser Nacht. Gleichmütig ertrug Opa die Schikane, bevor er gegen 2 Uhr früh daheim die Tür aufschloss. Puh, geschafft. Und geschafft fiel Opa auch kurze Zeit später ins Reich der blauweißen Träume. Was für eine Auswärtsfahrt.

P.S.: An dieser Stelle noch Gratulation an Helmut, der in Stuttgart sein 600. Auswärtsspiel von Hertha besucht hat!

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