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Opas Reisetagebuch – 10. bis 14.2.2016 – Heidenheim und Stuttgart – Tag 1 – Geschmack ist kein Zufall

Prolog
Hertha und Pokal. Eine Satzkombination, die normalerweise irgendwie nicht zusammenpassen will. 37 Jahre ist es her, dass Hertha das letzte mal das Halbfinale erreichte. Kleiner Rückblick ins Jahr 1976, eine Zeit, in der Koteletten und Schlaghosen der neueste modische Schrei war, in den Radios dudelte Abbas „Mamma Mia“, Jürgen Drews’ „Ein Bett im Kornfeld“, Frank Farians „Rocky“ oder Boney Ms „Daddy Cool“ – wohlgemerkt nicht als Cover, sondern als Ersterscheinung in den Charts. Das Olympiastadion hatte über den Kurven kein Dach und die bei Wind weitgehend nutzlose Tribünenüberdachung war gerade 2 Jahre alt. Bei den Fans dominierten Kutten und Schalrockträger, Gaströten beschallten das weite Rund mit einem eigenen und sehr elektrisierenden Sound, auf der Tribüne war immer ein Fan mit einem lebenden Äffchen auf der Schulter anzutreffen, die Verköstigung der Fans fand durch fliegende Händler in weißem Kittel statt, die eine Kiste Schultheiss Bier mit einem Stapel Plastikbecher vor sich hertrugen (und öfter mal ausgeraubt wurden)…. Ach ja, die gute alte Zeit. So lange war es jedenfalls her, dass Hertha im Pokal so weit kam wie in diesem Jahr, was erklärt, weshalb Hertha und Pokal in einem Satz für gewöhnlich nicht so recht zusammenpassen wollen und halt eher an schmachvolles Erstrundenausscheiden wie gegen TuS Koblenz oder Wormatia Worms erinnern, denn so richtig glanzvolle Zeiten hatte Hertha im Pokal nur sehr, sehr selten. Umso mehr gilt es, das auch mal zu genießen.

Als die letzte Partie ausgelost wurde, Opa saß bei der Auslosung in einer seiner Stammkneipen und vernichtete gerade erfolgreich eine Flasche spanischen Weinbrand, rechnete er mit dem schlimmsten, als dann Heidenheim gezogen wurde, war der Jubel groß. Nicht nur, dass das als lösbare Aufgabe einzuschätzen war, es sollte immerhin zu einem Gegner gehen, wo Opa noch nicht war. Endlich mal wieder ein neues Pflichtspielstadion mit Hertha! Wobei es diese Partie auch schon einmal gab. 1979/80 war es, die Trainer von Hertha hießen in dieser Saison Kuno Klötzer, Hans Eder und Fiffi Kronsbein, in der Mannschaft fanden sich Herthalegenden wie Michael Sziedat, Jürgen Milewski oder Wolfgang Sidka. Und Hertha gewann damals souverän gegen den Amateurclub mit 0:4. Aber damals war Opa noch nicht dabei, aber es war das Jahr, wo er zu Weihnachten eine Herthafahne geschenkt bekam, mit der er – sehr zur Scham seiner Eltern – zum Weihnachtsgottesdienst zog. Also sollte Opa bald eine weitere Nadel auf seiner Stadionkarte reinstecken können.

Reiseplanung
In der Woche nach der Auslosung gab der DFB bekannt, wann wir spielen würden. Mittwoch Abend um 19 Uhr. Bei einer Austragung in Südwestdeutschland bedeutet das für den Herthafan, dass er entweder mit einem der Fanbusse, Neuner oder mit Auto fahren muss. Oder eben übernachten. Opa netzwerkt ja gern und es dauerte nicht lange, als sich jemand fand, der da unten Verwandtschaft hat. Und bereit war, uns für ein paar Nächte Unterschlupf zu gewähren. Denn bereits am Samstag steht das Ligaspiel gegen Stuttgart an und daher nahm sich Opa einen Tag Extra-Urlaub und blieb gleich unten, zumal es hier durchaus ein paar sehenswerte Attraktionen gibt, doch dazu später mehr.

So war nur noch die Frage zu klären, wie wir nach Heidenheim fahren. Zug oder Auto. Mietwagen für 4 Tage belastet das Budget spürbar, außer Opas klapprigem Nissan Micra (in hässlichem lila, aber das Auto sieht auch in anderen Farben eher nicht nach Statussymbol aus und für die Stadt und Opas urbane Mobilitätsbedürfnisse reicht’s) stand kein anderes Fahrzeug zur Verfügung, also ergab es sich als ganz praktisch, dass aus der Sonderaktion der Bahn noch ein paar Geschenktickets über waren, die wir dafür einsetzen wollten. Unterkunft war klar, Reiseweg war klar, also waren nur noch die

Reisevorbereitungen
zu treffen. Opa spielte wie meist die „Mutti“, belegte Schrippchen liebevoll mit Salat, Gürkchen, Tomate und Salami und statt Boulettchen gab´s diesmal für jeden ein paar Scheiben Kassler und selbstgemachten Kartoffelsalat. Gegen den Durst begleitete uns eine Flasche Traditionsweinbrand und heimisches Bier, es konnte also nichts schiefgehen.

Anreise
Kurz vor Einfahren des Zuges checkten wir 3 nochmal, ob jeder alles hat. Eintrittskarten hatten alle. Bahntickets, upssi, einer von uns hatte seins daheim gelassen. Irghs, was nun? Wichtig ist bei so etwas, erstens nicht in Panik zu verfallen, zweitens vorwurfsfrei miteinander zu kommunizieren und drittens lösungsorientiert zu denken. Alternativ hätten wir mit einem ICE 2 Stunden später fahren können, was uns einen durchaus ambitionierten Zeitplan beschert hätte. Die andere Alternative bestand darin, die insgesamt 4 vorhandenen Fahrkarten für 3 Hinfahrten zu nutzen und uns die fehlende Karte hinterherschicken zu lassen. Opa arbeitet schließlich bei einem Kurierdienst und für die ist so etwas Alltag. Und so beruhigte sich der Puls auch sehr schnell.

Im bumsvollen ICE waren wir beinahe die einzigen Fußballfans. Um kurz nach 7 wird man im ICE von Normalreisenden schon mal komisch angeguckt, wenn man statt Café ein Bierchen zum Frühstück trinkt, aber zur Reisefolklore gehört das einfach mit dazu.
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FOTO Morgenidylle

Die ICE Strecke über Braunschweig, Kassel, Frankfurt, Stuttgart nach Ulm ist noch nicht ausgebaut und entsprechend langsam und rumpelig. Das ist noch Eisenbahnfahren des 19. Jahrhunderts, aber ohne Umsteigen geht es nur darüber nach Ulm, wo wir für die letzten Meter in einen RB Richtung Unterkunft umsteigen mussten. Der Bahnhof in Ulm ist eher übersichtlich, beherbergt aber immerhin einen „Food Court“. Die 49 Minuten Wartezeit beim Umsteigen überbrückten wir mit einem kühlen Blonden, während wir das Treiben im Bahnhof beobachteten.
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FOTO Bahnhofspanorama

Bei fremden Menschen privat zu schlafen birgt ja immer ein wenig Überraschung, aber es ist ja auch gleichzeitig ein Eindringen in die Privatsphäre. Umso angenehmer war es, dass wir herzlich empfangen wurden und uns der Hausherr sein Bett zum Schlafen überließ und selbst auf die Couch ging. Doch an Bett war nicht zu denken, obwohl Opa wegen der kurzen Nacht vorher gern ein Nickerchen gemacht hätte, aber dafür war keine Zeit, also nur schnell Klamotten abgestellt und zum Auto, denn bis Heidenheim war noch gut eine halbe Stunde zu fahren und wir mussten mit dem Auto fahren, da nach dem Spiel auch kein Regio oder Bus mehr gefahren wäre. An solche Verhältnisse sollte man als Berliner immer wieder denken, wenn wir nach einer U-Bahn rennen, wo 3 Minuten später die nächste kommt oder wenn uns der Bus vor der Nase wegfährt und 20 Minuten später der nächste kommt. Immerhin kommt einer.

Nach einem kurzen Zwischenstop an der örtlichen Currywurstbude mit Verkostung der handwerklich hervorragenden Hausspezialität und wirklich sensationell guten Pommes hielten wir noch am Getränkemarkt, um uns für die Reise zu wappnen. Wir entschieden uns als einzig gekühlte Variante für eine lokale Bierspezialität mit Albert Einsteins Konterfei namens „steinie2 – das geniale Bier“. Beim Bezahlen fiel Opa noch ein angebotener Flachmann auf. Opa vertraute weder der „Qualitäts-Marke“ noch dem Slogan „Geschmack ist kein Zufall“, wenn ein Weinbrand heißt wie der Stoff, aus dem früher Telefonschutzbezüge hergestellt wurden, dann rührt Opa den nicht an.
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FOTO BROKAT

Auf dem Weg zum Stadion machte Opa ein kurzes, aber verdientes Nickerchen. Die Infrastruktur und Kommunikation des Zweitligisten ist aus Sicht des Gästefans durchaus gut. Bei Herthas „Das darf mit nach Heidenheim“ war eine detaillierte Beschreibung für die Anreise, freundliche Ordner halfen beim Finden der Parkplätze, der restliche Fußweg zum Stadion war bergig, aber akzeptabel lang. Auf dem Busparkplatz dann großes Hallo, jede Menge Neuner, jede Menge Busse, jede Menge Herthaner, die Opa kennt, ein Bierchen hier, ein Anstoßen da, unzählige Shakehands und High Fives, Opa liebt seine Herthafamilie.

Angenehmerweise sehr wenig wahrnehmbare Präsenz der Behelmten, dafür wieß ein Schild am Stadion darauf hin, dass Pyrohunde zum Einsatz kommen:
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FOTO Pyrohunde

Einlasskontrollen sehr entspannt, drinnen empfängt im mittlerweile rund 15.000 Zuschauer fassenden Stadion jede Menge Sichtbeton und Zaunfelder und verströmen die heimelige Atmosphäre Guantanamos. Einzig das Regenwassersammelbecken hat einen gewissen Charme, ob das im Sommer mit Mücken problematisch ist?
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FOTOS vorm Stadion und Teich

Im Stadion
Im Vorfeld war ja angekündigt, dass es im Stadion im Gästebereich normales Bier zu kaufen gibt und bar bezahlt werden kann. Das ist dreifach lobenswert: 1. Die Vorankündigung, 2. Die getränketechnische Gleichbehandlung von Heim- und Gästefans und 3. Der Nichtzwang von Gästen, eine Bezahlkarte erwerben zu müssen. Leider keine Selbstverständlichkeit in deutschen Stadien und daher umso erwähnenswerter (wenngleich es auch eigentlich selbstverständlich sein sollte).

An den Verköstigungsständen gab es eine Auswahl an Bratwürsten, rot, weiß und scharf für 3-3,50 €, Bier aus der Haake-Beck Brauerei wurde zu 3 € für 0,4 l ausgeschenkt (umgerechnet 3,75 € für einen halben Liter).

Der Sanitärbereich ist mit „zweckmäßig“ final beschrieben. Angesichts der z.T. unbefestigten Wege vorm Stadion halt auf dem Boden ziemlich schlammig, aber im Gegensatz zu den Spiegeln benutzbar, die wie der Rest der Klos von Fans mit allerlei Malereien und Stickern verschönert wurden. Was wohl spätere Archäologen dazu sagen, wenn sie mal so etwas ausbuddeln? Wird das auf dem Niveau von Höhlenmalereien angesiedelt sein?
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FOTOS Klo

Im Stehplatzbereich wurden die Zugänge nicht kontrolliert, so dass viele, die eigentlich keine Karte hatten, sich dort einfanden, während im Sitzplatzbereich teilweise kontrolliert wurde. Entsprechend bumsvoll war es im Stehplatzbreich. Die Sicht ist durchaus nett, das Fangnetz ist jedoch nur hinterm Tor aufgehangen, Eckenschützen oder sich warmmachende Spieler sind gegen Wurfgegenstände von den Zuschauern nicht geschützt.
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FOTO Sicht.

Vorm Spiel wollten uns die Heidenheimer mit einer Stadionchoreo beglücken. Während das mit den Papptafeln ganz gut klappte (zumindest da, wo jemand saß, denn das Spiel war nicht ausverkauft). Was nicht so gut klappte, waren die Spruchbänder und die Elemente, wo überlebensgroße Spieler hochgehalten wurden. Irgendjemand ließ wohl das zweite mit dem ersten Spruchband fallen, in der Mitte hielt man tapfer das zweite hoch… Naja, am Ende konnte niemand erkennen, was auf Spruchband 2 stand, der Herthablock quittierte das ganze mit einem höhnischen „Ihr seid zu blöd“ Gesang. Fußballfandasein ist so herrlich :D

Das Spiel
Nach dem Anpfiff zeigte sich, dass die Heidenheimer nicht zu Unrecht im Pokal so weit gekommen sind. Taktisch extrem diszipliniert standen sie anfangs extrem hoch und liefen sogar Herthas Torwart an, der beim Versuch, den Ball nach vorn zu spielen, den Ball verlor, der aber glücklicherweise ins Seitenaus ging. Auch sonst versuchten die Heidenheimer, Hertha nicht ins Spiel kommen zu lassen. Das klappte an sich auch ganz gut, so gut sogar, dass die Heidenheimer mit 1:0 in Führung gehen. Aber individuelle wie kolletkive Stärke setzte sich am Ende durch. Hertha spielte erneut kultiviert und zeigte Spielzüge zum mit der Zunge schnalzen. Die Vorlage von Mitchell Weiser aus dem Halbfeld direkt auf den Fuß und in den Lauf von Ibisevic, der eiskalt zum seinem 2. Tor des Spiels verwandelte, ist für diese Entwicklung symbolisch.

Dass sogar der bislang wenig gefährliche Haraguchi ein Tor erzielte, setzte dem ganzen die Krone auf, auch wenn die Heidenheimer durch einen Elfmeter nochmal rankamen und aufopferungsvoll wie respektabel kämpften. Abgezockt ließen die Hertha Spieler die Uhr runterlaufen, auch die von der Fußballmafia aufgedrückten 4 Minuten Nachspielzeit konnten den Sieg nicht mehr gefährden. Wow, als langjähriger Herthafan reibt man sich die Augen und muss sich von Zeit zu Zeit kneifen, was das denn ist, denn Hertha stand in den Jahren zuvor für eher genau das Gegenteil.

Glückstrunken umarmten sich die Herthafans, jeder klatschte gefühlt mit jedem ab. Worte wie „Wahnsinn“ fielen, eine Stimmung, die ein bißchen an den Abend des Mauerfalls erinnerte. Wer das Spiel verpasst hat, darf sich ruhig ärgern. Andererseits saß daheim Opas Ex-Mitbewohnerin in der Kneipe, die dieses Jahr zum ersten mal seit vielen Jahren kein einziges Pokalspiel besucht hat und angesichts des Verlaufs von uns allen Pokalverbot ausgesprochen bekommen hat. Momentan bettelt sie darum, dass sie wenigstens zum Heimspiel darf, aber Opa denkt da wie die anderen: Nö! Nicht das Schicksal herausfordern ;)

Im Dunkeln verabschiedeten wir uns, machten noch ein Erinnerungsfoto, auf dass sich noch jemand als Photobomb raufdrängte, von dem Opa immer dachte, er könne ihn nicht leiden…
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FOTO Gruppe

…und verließen, bewaffnet mit einem Wegbier aus einem der Busse, durch den dunklen Wald das Stadionumfeld und gröhlten noch ein paar nette Abschiedslieder wie „Wir fahr’n nach Haus’, ihr müsst hier wohn’n“. Die Heidenheimer nahmen es mit Fassung und sympathischer Gelassenheit, selbst das Schwabenlied wurde mit einem Lächeln quittiert. Heidenheim ist ein wirklich sympathischer Gastgeber. Mit dem Auto fuhren wir heim, tranken noch einen Scheidebecher und begaben uns zur Nachruhe in unsere Schlafsäcke. Friedlich sägten wir zu dritt in die Nacht.

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