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Opas Reisetagebuch – 9.-10.5.2015 – Doofmund – Dreier in Dortmund – oder – echte Liebe kann man nicht kaufen

Prolog
Die Reise nach Westfalen ist für Opa immer etwas Besonderes und nach der „Pleite“ hinsichtlich der letzten Auswärtsfahrt nach Hangover war Opa heiß wie Frittenfett, zumal er den Trip zwischendurch nach München sich traditionell geschenkt hatte. Während sich andere in den bayerischen Gästekäfig unterm Dach haben einsperren lassen, hatte Opa im Kleingarten Arbeitseinsatz und musste mit seinen Nachbarn die Wege vom Unkraut befreien. Dank eines Kärchers kein Problem, aber man sieht hinterher aus wie die Sau.
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FOTO Hose

Auch sonst war in der Zwischenzeit einiges passiert. Opa kümmert sich ja ein wenig um Herthas internationale Fans und beim vorletzten Heimspiel waren die Freunde von Hertha UK zu Besuch, die von Opas Kumpel und ihm durch die Stadt geführt wurden und beim allerletzten Absacker im Herthaner etwas, naja, engländeruntypisch „schwächelten“. Opa will da nicht näher ins Detail gehen, aber lässt gern den einen Gast sprechen, der seine Verwunderung darüber, dass die Gruppe fluchtartig das eine Hinterzimmer verließ, mit den Worten „Was geht ihr denn, der hat doch nur gekotzt“ ausdrückte. Die wirklich mit viel Liebe geführte und sehr authentische Herthakneipe findet man im Herzen „Kreuzköllns“ Nähe des Hermannplatzes, wo sie sich tapfer gegen Gentrifizierung wehrt und inmitten von sudanesischen Falafel und veganfaschistischen Eisdielen ein Denkmal für das alte, echte Berlin setzt. Wer es mal selbst ausprobieren will: Herthaner, Weser Straße Ecke Friedelstraße, fast immer auf, sozialverträgliche Preise, großes (0,5 l) Bier (Engelhardt!) vom Fass für 2,40 €. Den Engländern hat´s jedenfalls gefallen…
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FOTOs Engländer

…und Opa trifft man bisweilen auch dort.

Den Sonntag zuvor nutzte Opa dafür, mal wieder Amateurfußballluft zu schnuppern. Erst ein D Jugend Turnier, welches selbstverständlich Hertha gegen Auswahlmannschaften des HXV, Hangover, Kopenhagen, Jena, Braunschweig und vieler anderer souverän gewonnen hat. Die kleinen waren allerdings etwas verdattert, dass da Fans waren, die sie gefeiert haben und ein Selfie vor der Umkleide machten und mit ihnen abklatschten.
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FOTOs Rudowsonntag

Danach Berlinliga TSV Rudow gegen SV Tasmania. Nicht schlimmer anzusehen als das, was am Freitag zuvor im Olympiastadion geboten wurde. Dafür gab´s Bier aus einem richtigen Glas, sehr charmante Bedienung und eine Menge Spaß. Und zum Auswärtsspiel reicht ein AB Ticket :D

Doch genug des Vorgeplänkels, widmen wir uns dem Auswärtsspiel in dem schwatzgelben Städtchen rund um den Borsigplatz.

Reisevorbereitungen
Opa hat ja einige Bekannte in der Doofmunder Fanszene. Da ist unter anderem ein Grüppchen aus dem Thüringischen, die Opa beim vorletzten Spiel im Westfalenstadion kennenlernte. Die fahren jedes zweite Wochenende quer durch die Republik, um zu einem Heimspiel (!) zu fahren. Das hat ja schon ähnlichen Charakter wie Opas Freunde aus Davos, die zu Herthaspielen knapp 900 km aus der Schweiz anreisen. Okay, man kann sich seinen Verein nicht aussuchen und Opa hat abseits aller trennenden Farben vor so etwas einfach den gebotenen Respekt. Über diese Truppe hat Opa auch Einblick darin, wie schwierig es Fans der schwarzgelben haben, an Tickets zu kommen. Eine Dauerkarte auf der Südtribüne gibt’s erst nach einer Wartezeit von 12 (!) Jahren, ohne selbige hat man keine Chance, an eine der noch begehrteren Auswärtsdauerkarten zu kommen, die zudem verlost (!) werden. Das sollten sich einige mal hinter die Löffel schreiben, die bei uns über die vergleichsweise paradiesischen Zustände in Sachen Tickets jammern.

Und der Jammerer gab es viele. Nicht schlimm genug, dass mit Beginn des Vorverkaufs Gästeblocktickets mal wieder zu Mondpreisen bei eBay auftauchten, am Wochenende vorm Dortmund Spiel kündigte die Lokführergewerkschaft auch noch an, für 5 Tage zu streiken. Das führte nicht nur dazu, dass ein guter Freund Opas sagte, er werde im nächsten Leben „Pilot bei der Bahn“, sondern auch dazu, dass einige Herthafans in blanke Panik gerieten. Die Ticketbörsen wurden plötzlich überschwemmt mit Tickets von Leuten, die wegen des Streiks (!) ihre Karten zurückgehen ließen. Dazu zwei Gedanken:

1. Sagt mal, habt ihr schon mal gehört, dass sich Herthaner von einem Streik daran hindern lassen, an einem Auswärtsspiel teilzunehmen? Du gute Güte, es gibt genug Alternativen, von Fahrgemeinschaften, Bussen, Flugzeug, Anhalter ist vieles möglich, aber alles auch irgendwie überflüssig, weil die ICEs ins Ruhrgebiet vom Streik gar nicht betroffen waren, der Streikfahrplan war auf dieser Strecke der reguläre Fahrplan.
2. Was sagt das über Fans aus, die wegen so einer Lappalie ihre Eintrittskarten zurückgeben? Vor allem vor dem Hintergrund, wenn man bedenkt, wie schwer es andere Szenen haben, überhaupt an Karten zu kommen.

In schweren Zeiten rückt Herthas Fanszene zudem sehr eng zusammen. Niemals bleibt einer daheim, der wirklich zum Spiel will. Die Fanbetreuung half bei der Koordination, Fanclubs organisierten zusätzliche Busse, wie gesagt, eigentlich gar nicht nötig, aber es scheinen einige ernsthaft mit der Anforderung, eine Lösung zu finden, überfordert zu sein. Naja, „Ick lieb meene Hertha trotzdem“ dachte sich Opa.

Auch Opas Reisevorbereitung war zugegebenermaßen turbulent. Angesichts der vielen Dortmunder Bekannten hatte Opa und sein Reisebegleiter frühzeitig vereinbart, im Anschluss ans Spiel über Nacht zu bleiben, um die Kontakte ein wenig zu pflegen und zu intensivieren. Bei der Buchung des Hotels bemerkten wir, dass die Preise für Dortmunder Verhältnisse dezent knackig waren, scheinbar war Messe. Kurzfristig klinkte sich in Opas Zweierreisegruppe noch eine Mitreisende ein, die jedoch kein Hotelzimmer mehr bekam, der wir jedoch selbstlos anboten, bei uns im Zimmer unterzukommen, was schon im Vorfeld für allerlei Witzeleien und für eine hübsch doppeldeutige Überschrift sorgte ;)

Da Opa gerade in seinem neuen Garten eine „kleine“ Baumaßnahme…
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FOTO Abriss

…durchführt, fiel die kulinarische Vorbereitung diesmal auch angesichts der anstehenden Übernachtung eher übersichtlich aus. Nichtsdestotrotz mussten Opas Mitreisende nicht darben, denn es reiste ein knappes Kilo bestes Hackepeter mit, welches am Vorabend besorgt wurde. Es traf sich zudem ganz gut, dass bei einer Supermarktkette Opas derzeitiger Lieblingsdigestiv im Angebot war, ein spanischer Brandy mit drei Zahlen, mild und angenehm sollte er als „Schnellhärter“ unsere Fahrt begleiten.

Anreise
Um kurz nach sieben aus dem Bett gequält, die üblichen Reiseutensilien (Styroporbox mit Eiswürfeln, Bluetoothbox etc.) nebst für Auswärtsspiele ungewohnte Wechselwäsche und Kulturbeutel unter den Arm geklemmt und ab ging´s zum Hauptbahnhof. Auf dem Weg stellte Opa fest, dass er seine Sonnenbrille vergessen hatte. Gnarz, da hatte er beim Discounter im letzten Herbst im Ausverkauf extra einen ganzen Saisonvorrat an Auswärts-Sonnenbrillen günstig erstanden und nun lagen die alle daheim. Also am Hauptbahnhof noch schnell eine Sonnenbrille zum Wucherpreis von 10 € erstanden. Das ging ja gut los…

Aufgrund von Bauarbeiten fahren die ICEs derzeit vom Tiefgeschoss des Lehrter Bahnhofs. Nicht nur das war ungewohnt, es waren auch weit und breit keine Behelmten zu sehen, nicht mal die üblichen Bahnzivten. Hallo? Wo kommen wir denn da hin? Was sind denn das für Zustände? Früher war jedenfalls deutlich mehr Lametta ;)

Also den ICE („fährt heute in umgekehrter Wagenreihung“) geentert, entgegen dem Wunsch einer mitreisenden Dame nicht zur „Szene“ gesetzt, sondern im bahn.comfort Wagen die Schwerbehindertenplätze nebst umliegender Tische geentert. Die Tischplätze mussten wir zugunsten reisender Familien aufgeben, die Schwerbehindertenplätze blieben uns und bis Dortmund hatten wir durchgängig Sitzplätze. Und es saßen alle, obwohl wir einen Platz weniger hatten als wir Reisende waren, Opa hatte sicherheitshalber einen Anglerstuhl mitgebracht, der sich großer Beliebtheit erfreute. Opa kennt sich halt aus ;)
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FOTO Anglerstuhl

Auch wenn Opas Reisegrüppchen weitgehend in zivil unterwegs war, war unser Reisegrund wohl kaum zu verbergen, wer außer Fußballfans trinkt um 9 Uhr schon Frühstücksbierchen und Mische? Und so dauerte es nicht lang, bis die mitreisenden Familien naserümpfend die Konfrontation mit der Wirklichkeit des Lebens nicht so recht einordnen konnten, als die Kinder ihre Eltern fragten, warum wir denn im Zug Bier trinken. Ein schallendes „weil wir´s können“ war wohl nicht allzu pädagogisch wertvoll, dafür waren die Fronten geklärt. Und überhaupt schwankte die Aufmerksamkeit aller anderen Zugreisenden zwischen Bewunderung und Schrecken, als Opa anfing, eine Zwiebel zu schälen und Hackepeterbrötchen mit frisch geschnittenen Zwiebelringen an seine Mitreisenden auszugeben. Savoir vivre oder wie das beim Lateiner hieß ;)

Während wir in wohlig riechende und schmeckende Brötchen bissen und uns anschließend versuchten, die Zahnzwischenräume vom Hackepeter zu befreien, bemerkte Opa, dass er außer seiner Sonnenbrille auch noch seinen allertreuesten Reisebegleiter vergessen hatte. Neeeeeeinnnn! Becherchen war daheimgeblieben, schnüff… :( Also im Bordbistro einen Pappbecher organisiert, aus dem auch ein noch so leckerer Brandy nicht so gut schmecken mag wie aus Opas Auswärtsbecherchen.
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FOTO Schnellhärter

Draußen zog die „Stadt des Kraft durch Freude Wagens bei Fallersleben“ vorbei, als kurz dahinter schon die Bremsung für den Halt in Hangover eingeleitet wurde. Juchee, das Kinderabteil wurde frei. Zwei Doppeltische nur für uns! Also Klamotten geschnappt, geentert und schwupps Musik an. Zu Reiseevergreens der „geilen Ollen“ schunkelten wir durch gen ödes Westfalenland, man prostete der Porta Westfalica zu, die zwar nachweislich an einem falschen Ort steht (die besagte Schlacht fand wohl woanders statt), aber das ist was für die Abteilung unnützes Wissen, welches wir ja gerade mit Hilfe von diversen Digestivs und Spülbieren zu vernichten suchten. Ein sehr netter Reisebegleiter der deutschen Bahn gesellte sich zu uns und gewährte einer Mitreisenden deren Herzenswunsch, mal selbst ihre Fahrkarte „knipsen“ zu dürfen. Als sie feststellte, dass das einigermaßen unspektakulär ist, konnte sich Opa ein „Dafür drei Jahre Ausbildung?“ nicht verkneifen, aber der Herr mit den drei Streifen am Ärmel (ist das ´ne Adidas-Uniform?) hatte Humor und konnte herzhaft drüber lachen.
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FOTO Schaffner

Währenddessen erreichten Opa diverse Wasserstandsmeldungen und Fotos anderer Reisegruppen, die mit Neunern und Autos unterwegs waren und u.a. mit von Opa gestalteten Aufklebern die Rastplätze der Republik verschönerten. Opa wird auf seine alten Tage wohl noch zum Streetart-Künstler. Oder so :D

Von Opas Dresden-Connection kam ein lustiges Foto aus deren Stadion, der Gästeblock der Unterhachinger war eher „übersichtlich“
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FOTO Gästeblock Dresden

Währenddessen wollte Opas Mitreisende die Papphülle vom Sixpack entsorgen. Hiiilfe, daraus lässt sich doch vortrefflich eine Krone bauen und Opa wollte König sein – Da bekommt der Begriff „Pilskrone“ eine gänzlich neue Bedeutung.
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FOTO Krone

Die ICE Fahrt nach Dortmund geht eins, zwei fix, nach rund dreieinhalb Stunden ist man schon da. Was für ein Gehetze, wo es doch gerade so gemütlich war. Vom Bahnsteig die Treppen herunter wollten wir zunächst zum Hotel. Unten empfing uns eine Kette Behelmter, die meinten, wir mögen in eine andere Richtung, also Opas Freund vorgeschickt, es ist praktisch, mit seinem Anwalt zu reisen, dank Sicherheitsausweis durften wir plötzlich klaglos die Kette passieren. Um mal einen großen Philosophen namens Homer Simpson zu zitieren: „Trottel!“

Am Bahnhofsvorplatz viel schwarz-gelb. Sehr viel schwarz-gelb. Auffallend viele Japaner, englisch- und spanischsprachige Schwarzgelbe. Dortmund hat eben auch internationale Fans, Nachmacher! (Opa ist im Ausrufezeichenpöbelmodus). Dass das nicht jedem Dormunder Fan gefällt, wird Opa an diesem Abend noch mehrfach zu hören bekommen. Doch dazu später mehr.

Erstmal Richtung Taxistand. Der junge Taxifahrer zuckte etwas zusammen, nicht nur, als wir ihm sagten, in welches Hotel wir wollten, denn das war direkt um die Ecke vom Hauptbahnhof, sondern auch als er realisierte, dass er Herthaner an Bord hat. Unser Ruf eilt uns offensichtlich vorraus :D Das gewählte Hotel (das einzig freie in Innenstadtnähe) lag in einer Gegend, die an, naja, gewisse „Kietze“ in Berlin erinnerte. Spielothek neben Dönermann neben 1 € Shop neben Shishabar neben Wettbüro neben Kulturverein. Ja, es erinnerte ein wenig an Opas Heimat in Neukölln, was Opas Mitreisende mehr irritierte, die sonst im feinen Charlottenburg zu residieren gedenken. Mit einem „Willkommen in der Wirklichkeit“ trieb Opa seine Mitreisenden Richtung Rezeption, wir wollten schließlich noch Freunde treffen, außerdem ließen wir die Taxe unten warten.

Das Hotel machte den Eindruck, dass man es sonst auch stundenweise mieten könne. Naja, für eine Nacht sollte es gehen, auch wenn die aufgerufenen 110 € fürs Doppelzimmer weit, weit im Bereich der Sittenwidrigkeit lagen. Opa war aber nicht fürs Beklagen dort, sondern wollte zum Stadion. Auf dem Weg dorthin klärte uns der Taxifahrer auf, warum die Hotels so teuer waren. Es war eine Messe mit dem Titel – man halte sich fest – „Hund und Katze“. Unsere Reaktion war irgendwas zwischen Entsetzen und Belustigung.

Im am Stadion angrenzenden Biergarten waren wir verabredet und alle kamen. Die Mitreisenden aus dem Zug, aus den Bussen, aus den Neunern, der Exil-Herthaner (und eigentlich BFCer) aus Krefeld, zwei Jungs von Hertha UK und auch die Breitunger Herthabärchen Truppe fand sich zeitig ein.

Zwischendurch bekam Opa einen Hilferuf, bei einem Fanclub waren einige Mitfahrer nicht erschienen und die hatten noch 10 Karten übrig und kam mit dem Verkauf nicht so recht voran, nach 2 Stunden war immer noch kaum eine Karte verkauft. Opa hilft normalerweise ja nicht beim Kartenverkauf, aber diesem Fanclub im Allgemeinen und der hilferufenden Person im Besonderen kann er den Wunsch nicht abschlagen. Nach zehn Minuten waren jedenfalls alle Karten weg und hoffentlich ein paar Stadionbesucher zu Herthafans konvertiert ;)

Also zurück zum Biergarten, als Opa einen Anruf erhielt, dass sich die Thüringengruppe in einem anderen Biergarten trifft. Also ums halbe Stadion gehetzt, an diversen Verkaufsständen vorbei, die eine Tüte nach der anderen mit irgendwelchem Tinnef ausspuckten, auf denen „Echte Liebe“ stand und Opa eher an „echter Kommerz“ erinnerten. Denn die Thüringen Connection liegt Opa schon ein wenig am Herzen gab es doch schon diverse gegenseitige Besuche und zum Pokalfinale steht schon das nächste Wiedersehen an, wo sich Opa ums Rahmenprogramm kümmern wird.
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FOTO Biergarten

Und Opa war nicht der einzige Herthaner dort. Immerhin haben Dortmunder und Herthaner mit der unaussprechlichen Stadt einen gemeinsamen Feind und die Auswärtsspiele sind weitgehend von Harmonie geprägt. Nach ein paar Anstoßbierchen war es langsam an der Zeit aufzubrechen.

Im Stadion
Einlasskontrolle megatiefentspannt, der sehr freundliche, etwas beleibtere und dezent schwitzende Ordner hatte wohl schon hunderte Bodychecks hinter sich und war nicht nur sichtlich außer Puste, sondern auch dankbar, dass Opa ihm freundlich zu verstehen gab, dass er nichts finden wird. Mit einem freundlichen Klaps auf den Rücken wurde Opa unkontrolliert ins Stadion gelassen, wo er sogleich feststellte, dass zwar freundlicherweise die Sperren zu den Nachbarblöcken geöffnet waren, es aber dennoch nur furchtbar schmeckendes Leichtbier zu kaufen gab, immerhin konnte mit Bargeld bezahlt werden. Die Stadioncurrywurst á la Ruhrpott ist aber so eklig, dass man die irgendwie runterspülen musste. Egal. Opas erster Versuch, in den eigenen Fanblock zu kommen, war zum Scheitern verurteilt, denn die Ordner hatten den Zugang zu Block 61 wegen Überfüllung geschlossen. Also wurden wir freundlich aus dem Mundloch von unten in den Block gelassen, allerdings war das wirklich megavoll. Zu voll für Opa, kurz nach Spielbeginn hatte er Sehnsucht zu sitzen und mal wieder zu schauen, wie weit man kommt.

Weit kam Opa, allerdings musste er dafür etliche Höhenmeter machen, denn erst kurz unterm Dach fand er die gewünschte Kombination aus unkontrolliertem Blockzugang und freiem Sitzplatz. Opa ist wirklich kein Freund der modernen Stadien, auch das Westfalenstadion ist eine dieser modernen Arenen aus nacktem Stahlbeton und vandalismussicheren Einrichtungen, aber dieses Stadion ist wirklich beeindruckend. Beeindruckend steil und beeindruckend voll.
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FOTOS Stadion

Ach wenn es doch nur gelänge, in Berlin so viele eigene (!) Fans ins Stadion zu kriegen, aber manchmal hilft der Leit(oder eher Leid-)spruch des geplagten Herthaners: Jeder Verein kann ja mal ein schlechtes Jahrhundert haben.

Das Spiel ging weitgehend erwartungsgemäß über die Bühne, sportlich hatten wir nichts dagegenzusetzen, immerhin gingen wir nicht unter und haben wenigstens stimmungstechnisch eine Duftmarke hinterlassen. Die sagenumwobene Südtribüne hat ähnlich wie die Ostkurve einen Stimmungskern, der sich im wesentlichen auf die Mitte unten konzentriert, die Mitmachquote ist nicht höher als bei uns und nicht nur Opa sieht die Ostkurve locker auf Augenhöhe, das sollten sich diejenigen mal hinter die Löffel schreiben, die an unserer Kurve herumkritteln. Klar geht’s immer besser, aber wir Fans müssen uns vor keiner Kurve in der Bundesliga verstecken! Für Spieler und Offizielle gilt das leider nicht immer.

Nach dem Spiel
Nach dem Spiel traf Opa einen Schwarzgelben, der mit einem aufblasbaren Pokal unterwegs war und Opas Wunsch nach einem Foto mit dieser Trophäe erfüllte. Komischer Wettbewerb, der ist doch immer nach zwei Spielen schon zu Ende? ;)
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FOTO Pokal

Das Wetter hatte sich der sportlichen Leistung Herthas angepasst. Es regnete und stürmte, als Opa sich nochmal auf den Weg zum anderen Biergarten machte, um sich von seinen Thüringer Dortmundern zu verabschieden. Ein bisserl Wehmut schwang beim Tschüss sagen mit, aber schon bald gibt’s ja ein Wiedersehen mit den „Rabauken“.

Mit weißen Schuhen zum Auswärtsspiel bei Regen ist eine richtig blöde Idee gewesen, aber jetzt war es eh nicht mehr zu ändern, zurück zu den anderen, wo sich nach und nach die Rückreisenden verabschiedeten. Wir drei Übernachtenden machten uns dann auch auf Richtung Kreuzviertel, wo es ein paar nette Bars und Kneipen gibt. In der ersten war es brechend voll, zudem sagte uns das kulinarische Angebot nicht so zu. Also eine Kneipe weiter und dort zu ein paar Schwarzgelben dazugesetzt, die uns zunächst ob der verhassten Farbkombination von den Schals von Opas Mitreisenden für Aliens hielten, aber doch recht gastfreundlich waren, als ihnen klar wurde, dass wir keine Schlacker sind. Das Schnitzel mit Grüner-Pfeffersauce, Pommes und Salat war üppig, mit 10,50 € nicht unangemessen teuer und das Bier schmeckte, während wir übers Spiel und Auswärtsfahrten philosophierten. Die Dortmunder Tischnachbarn beschwerten sich bitterlich, dass kaum noch Dortmunder im Stadion wären, von überall her kämen die Fans. Was bei uns ungewohnterweise erfreulich exotisch ist, kann anderswo durchaus auch zur Last werden.

Betrachtet man das Einzugsgebiet und die überregionale Beliebtheit, weiß man, warum die trotz einer sonst vollkommen trostlosen Stadt ein Stadion mit über 80.000 Mann vollkriegen. Bedenkt man, dass Hertha über Jahrzehnte mauerbedingt keine Möglichkeit hatte, im Umland für Sozialisation zu sorgen, erklärt das in Teilen, warum wir mit das schönste Stadion Europas nicht voll kriegen. Dass wir an jedem Bundesligaskandal beteiligt waren, mit Anlauf in jedes Fettnäpfchen springen, uns zur Fahrstuhlmannschaft „etabliert“ haben, mit „gewöhnungsbedürftigen“ Fanaktivitäten aufzuwarten wissen, das sei nur am Rande erwähnt, aber das haben andere Clubs auch in ähnlicher Art hinter sich und erklärt nicht, warum die Auslastung des Olys so schlecht ist. Schwere Themenkost am späten Abend und Opa hatte Lust, noch weiterzuziehen und war ganz erfreut über die Werbekarten am Ausgang mit diesmal sehr, sehr flachen (aber schon wieder guten) Witzen zum Thema teilen…
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FOTOS Flachwitze

Mit einem der Gründer von Schwatzgelb zogen wir noch weiter. In der nächsten Kneipe lamentierte es am Nebentisch und bei den Gesprächen bei den Rauchern auch wieder über die vielen Fans von außerhalb. Gentrifizierung ist offensichtlich auch ein Fußballphänomen, aber die extrem laute Atmosphäre einerseits und die langsam einsetzende Bettschwere andererseits ließ Opa langsam rumquengeln, die übervolle und überlaute Kneipe zu verlassen.

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FOTO Kneipe

Mit dem Taxi ging es Richtung Hotel. Ein Schlafpils auf die Hand sollte es aber noch sein. Also den Dönermann neben dem Hotel geentert, Fehlanzeige, schwergläubiger Muselmane, der nur Joghurt und Softdrinks feilbot. Gut, dass an der nächsten Straßenecke ein Späti war, oder wie es hier heißt, ein „Büdchen“. Lang lebe die Spätikultur, es gab sogar Berliner Bier zu trinken, wir entschieden uns aber für etwas Lokales, schließlich soll Reisen bilden oder wie es der Altherthaner Alfred Tetzlaff ausdrücken würde: „Wenn Du nach Paris kommst, dann benimm´ Dich auch wie ein Pariser!“ :D

Also mit unseren Glasmantelgeschossen die Treppe zum Hotel hochgeschlurft, am verdutzten Rezeptionisten vorbei, über dessen Kopf ein Fragezeichen zu sehen war, warum 3 Personen in einem Doppelzimmer verschwinden, und versucht, den Schierlingsbecher herunterzuwürgen. Nö, Opa hatte genug vom Gerstensaft in sich reingeschüttet. Ohne Streit verlief die Wahl der Seiten, wer wo schlief. Wir nahmen die Dame in die Mitte und schweigen über Details aus Gründen der Diskretion. Nur so viel: Sie bekam kein Auge zu, das Bettlaken war komplett zerwühlt und sie völlig fertig am nächsten Morgen ;) Den Rest überlassen wir der Phantasie des Lesers. Nur so viel als Hinweis: Wenn es Schuldige am Waldsterben gibt, dann waren zwei davon in diesem Zimmer anwesend :D

Nach dem Aufstehen (Opa und sein Begleiter hatten eine erholsame Nacht) trieb Opa seine Mitreisenden an, damit wir zwei ICE früher als geplant heimfahren, schließlich stand um 13:30 h noch das Auswärtsspiel der Amateure im Poststadion beim Lokalrivalen BAK an und Opa wollte das keinesfalls verpassen. Hopphopphopp, Opas Mitreisende waren ob des preußisch-zackigen Antreibens dezent genervt, aber Opa ließ sich nicht erweichen. Zu Fuß marschierten wir zum Hauptbahnhof, deckten uns mit belegten Brötchen, einem Sixpack und einem Becher Café ein und erreichten den Bahnsteig zeitgleich mit dem einfahrenden ICE. Timing kann er.

Der Zug erfreulich leer. Eine Mitreisende hatte es sich auf dem Tisch zum Schlaf bequem gemacht und dachte, wir würden sie in Ruhe lassen. „Nüschte“ – wie der Berliner es auszudrücken pflegt. Genervt und mit rollenden Augen zog sie keine zwanzig Minuten später ein paar Sitzreihen weiter und setzte dort ihren Schönheitsschlaf fort, von dem sie tatsächlich einiges gebrauchen konnte. Am anderen Tisch saß ein Lehrer, der sich ein wenig anbiedern wollte, in dem er Opa mit seiner Lebensgeschichte zu unterhalten versuchte. Er habe sich ein Sabatical genommen, war drei Monate in New Orleans und Opa wollte dem vollbärtigen Flipflophipster schlagartig nicht weiter zuhören. Opa öffnete also sein erstes Bier, wofür er vom Hipster einen entsetzten Blick erntete, machte ein paar frotzelnde Sprüche über Hipster („Hab neulich einen Hipster getroffen – jetzt hoppst er“), Vollbärte, philosophierte über Keimbelastung selbiger und schon war Ruhe im Karton. Am nächsten Bahnhof stieg er sich höflich für die angenehme Reisebegleitung bedankend aus und Opa kam sich ein wenig vor wie K.I.Z. im Lied „Der durch die Scheibe Boxer“.
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Irgendwo zwischen Hamm, Blödefeld und Hannover schwang ekelhafter Geruch durch den ICE. Donnerwetter, da hatte aber einer ein Ei ins ICE Klo gelegt. Gut, dass die Zugtoiletten nicht gefliest sind, selbige wären ansonsten von der Wand gefallen. Puh… Gut, dass wir Schnaps hatten, die Flasche 103er überlebte jedenfalls diese Attacke nicht. :D

In einer der Hertha Whatsapp Gruppen wurden lateinische Weisheiten ausgetauscht, zu der Opa (mit großem Latinum) eine „Weisheit“ beitrug, mit der man bei Lateinern große Verwirrung stiften kann. Wenn man ganz beiläufig im Beisein von Lateinern behauptet: „Sie kennen doch den Grundsatz „rusticus arat“?“ gibt sich keiner der eitlen „Gockel“ die Blöße, das zu hinterfragen. Dass es sich dabei ganz einfach um den ersten lateinischen Satz handelt, den Opa als Fünftklässler lernen musste, finden andere meist nur übersichtlich komisch, aber der Grundsatz „Der Bauer pflügt“ passt doch wirklich auf fast jede Lebenslage und Opa amüsiert´s :D

Pünktlich um kurz nach 13 h rollte der ICE ein und obwohl wir in Berlin waren, kam Opa das vor wie bei einem Auswärtsspiel, denn unsere Reisegruppe hetzte zum Schließfach, stopfte eilig alle Taschen und Koffer hinein und brach zum Stadion auf, wir hatten nicht viel Zeit. Auf dem Weg ins Poststadion liefen wir an Neubauten vorbei, die schon für eine „gated community“ vorbereitet zu sein schienen. Ekelhafte Gentrifizierung, jetzt auch direkt neben der Stadtmission zu „bewundern“. Berlin ohne Brachflächen ist einfach nicht mehr so schön wie früher. Egal, keine Zeit, sich weiter drüber aufzuregen, obwohl ein kleines Geschäft musste schon sein – als „Reviermarkierung“ :D

Vorm Poststadion am Kiosk noch schnell ein Pils und einen Sucukdöner auf die Hand, dann an der Kasse gestaunt, dass am Muttertag freier Eintritt für Frauen ist (wo ist eigentlich der #Aufschrei oder der Gleichstellungsbeauftragte?), eine Ordnerin überreichten uns mit einem Lächeln (!) das kostenlose (!) Stadionheft und pünktlich mit Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen. So viel Gastfreundschaft musste Opa erstmal verdauen. 412 Zuschauer, darunter bekannte Gesichter, die auch sonst häufig bei den Amas zu finden sind sowie die üblichen Ama-Geräuschbelästigung („Pfuui“ – „Herthakämpfensiegen“ – erfahrene Amabesucher wissen, wer auch da war) bevölkerten die altehrwürdige Oldschool-Tribüne des zugigen Poststadions, welches heute dem BAK eine Heimat ist und in dem Opa als Schüler Bundesjugendspiele hatte und an das seinerzeit der Frauenknast angrenzte, wo uns die Knastinetten aus dem Fenster ihre Brüste zeigten. Ach, die gute alte Zeit, Opa wird doch irgendwie langsam alt.
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Auf der Toilette traf Opa den Stadionsprecher, der beinahe vergessen hatte, das Mikro auszumachen, als sich Opa über die den BAK begleitenden Dauertrommler bei ihm mit dem Spruch „Ihr spielt total scheiße, aber der Soundtrack ist gut“ lustig machte. Noch einen mit Liebe zubereiteten Sucukdöner verdrückt, noch ein, zwei Spülpils runtergewürgt, schnell noch ein Selfie mit den Trommlern…
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FOTO Selfie

…und schon war´s vollbracht. Das Spiel der Hertha gab durchaus Anlass zur Freude, 3:0 siegten wir und trotz der Niederlage wurden wir freundlich von den BAK´ern verabschiedet, die zudem ein hübsches Plakat aufgehangen hatten, vielleicht ist das doch mal ein Anlass, dort auf Seiten BAKs hinzugehen :D
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FOTOS

Draußen vorm Stadion am Büdchen noch einen letzten Wegdöner mit Bier auf die Hand geordert und ein paar verletzte Grün-weiß-Neukölln-Spieler von der neben dem Poststadion befindlichen Sportanlage für deren selbstlose Aufopferungsbereitschaft bewundert.
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FOTOS Wunden

Das ist Sport zum Anfassen, archaisch, ehrlich, solide. Man hält sich den vom Ellenbogencheck des Gegners geschundenen Bauch mit einem Eisbeutel, in der anderen Hand eine Kippe – das ist die wirklich „Echte Liebe“. Selbige kann man nämlich weder kaufen noch in Tüten stecken, liebe Marketingfutzis.

Und so bleibt eine erlebnis- wie ereignis- und erkenntnisreiche Auswärtsfahrt in wohliger Erinnerung. HaHoHe!

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